"Oberbayern hat die besten Karten"

München - Peter Driessen war noch mal in Alaska. Drei Wochen gab sich der passionierte Hobbyfotograf der Bärenjagd hin, der Jagd nach Schnappschüssen versteht sich. Ein Schwarzbär sei ihm dabei so nah gekommen, dass er die Aufnahme vor Aufregung verwackelt habe, berichtet Driessen.

Vor seiner neuen Herausforderung hat der gebürtige Rheinländer keine Angst: Heute tritt Driessen das Amt des Hauptgeschäftsführers der IHK für München und Oberbayern an - er kennt den Laden und die Mannschaft, schließlich arbeitet der 55-Jährige seit 23 Jahren bei der Kammer mit ihren 310 000 Mitgliedsfirmen. "Ich freue mich auf die neue Aufgabe", sagt Driessen - und man glaubt es ihm. Denn nicht nur vom Wirtschaftsstandort Oberbayern spricht Driessen mit Hingabe, sondern auch von der Kultur und dem Lebensgefühl in der Region.

-Gerade sind die neuesten Arbeitsmarktzahlen herausgekommen. Mit 3,7 Prozent Arbeitslosenquote steht Oberbayern sehr gut da - und das obwohl große Konzerne wie zum Beispiel Siemens, Infineon oder die Allianz massiv Stellen abbauen. Wie kommt's?

Das kommt daher, dass Oberbayern so unglaublich breit aufgestellt ist - vor allem im Mittelstand. Wir haben eine breite Streuung von Unternehmen im Industriebereich und bei Dienstleistungen, die zumindest im nationalen Vergleich einzigartig ist. Und es siedeln sich Jahr für Jahr neue Betriebe hier an.

-Haben Sie Zahlen?

Allein im vergangenen Jahr hatten wir einen Netto-Zuwachs von 23 000 Unternehmen. Die wirtschaftliche Dynamik in Oberbayern ist also ungebrochen. Ich bin auch sicher, dass wir am Jahresende rund 330 000 Mitgliedsfirmen im Kammerbezirk haben werden. Damit hätten wir dann die bisher größte Kammer Europas in Paris überflügelt. Allein der Flughafen hat in den vergangenen Jahren 23 000 neue Stellen geschaffen. Solche Entwicklungen gehen schnell unter, weil die Entlassungen bei Konzernen oft die Schlagzeilen bestimmen. Unsere Regionalanalysen zeigen, dass zum Beispiel in den Landkreisen Dachau und Fürstenfeldbruck die Zahl der Firmengründungen schlagartig gestiegen ist. Und warum? Wegen der A99, auf der man in weniger als einer halben Stunde am Flughafen ist.

-Was zíeht die Menschen so an?

Für jemanden, der nach Oberbayern kommt, ist das Risiko, bei einem Jobverlust umziehen zu müssen, so gering wie sonst kaum wo. Auch das kulturelle Angebot stabilisiert einen Wirtschaftsstandort. Die Leute fühlen sich wohl und sicher. Das führt auch zu einer ganz anderen Arbeitsmotivation und Kreativität. Wir sind auf der Gewinnerseite, jedenfalls dann, wenn wir nicht aus einer Position der Saturiertheit heraus leichtfertig werden.

-Was meinen Sie damit?

Wir müssen von anderen lernen und dürfen uns nicht selbstzufrieden zurücklehnen. Der internationale Wettbewerb wird immer härter, daran besteht kein Zweifel und darauf müssen wir uns einstellen. Aber ich bin überzeugt, dass München von allen Ballungsräumen Deutschlands die besten Karten hat. Politische Aufgabe wird sein, die Randbereiche der Ballungszentren auf diesem Weg mitzunehmen. Das geht nur über eine vernünftige Verkehrsinfrastruktur.

-Über die immer wieder ausgiebig gestritten wird, wenn es um die dritte Startbahn am Flughafen oder Autobahnausbau geht.

Das ist immer eine Güterabwägung. Für Betroffene ist das bisweilen bitter, aber wenn es gesamtgesellschaftlich notwendig ist, dann muss man es machen. Da sollte die Politik Mut und Standvermögen zeigen und nicht wegen kurzfristigem Wahlkalkül wankelmütig werden. Auch die Wähler würden das langfristig honorieren.

-Welche Schwerpunkte wollen Sie im neuen Amt setzen?

Auf jeden Fall wird Bildung ein Schlüsselbereich sein, vor allem in Hinblick auf den steigenden Bedarf an Fachkräften. Es ist noch nicht allen Unternehmern bewusst, dass sich der Ausbildungsmarkt in Oberbayern gedreht hat. Jetzt müssen die Unternehmen sich um gute Auszubildende bewerben. Auch vor dem Hintergrund steigender Rohstoffpreise gewinnt die Mitarbeiterqualifizierung enorm an Bedeutung.

-Inwiefern?

Meine Prognose ist, dass wir durch die fortschreitende Verteuerung von Rohstoffen zu einer Verlagerung von Industriestandorten kommen werden. Industrien werden sich dort ansiedeln, wo die Summe der Faktorkosten am günstigsten ist. Zum Beispiel die Golfstaaten: Hier wird Bauxit abgebaut und es werden Öl und Gas gewonnen. Damit habe ich den Rohstoff und die Energieträger, um Aluminium herzustellen. Warum soll ich beide Dinge um die halbe Welt verschiffen, um irgendwo anders Aluminium zu produzieren?

-Nicht gut für heimische Industriestandorte.

Die Frage ist, welche Dinge lassen sich dauerhaft ökonomisch hier erzeugen. Wie komplex ist ein Produktionsprozess? Ich gehe davon aus, dass auch auf lange Sicht komplexe Prozesse bei uns gehalten werden können. Es gibt Technologien, die nicht soweit automatisiert werden können, dass man sie mit angelerntem Personal betreiben könnte. Das ist auch eine Erfahrung, die die Autoindustrie an ausländischen Standorten gemacht hat. Die haben zum Teil massive Probleme, deutsche Qualitätsstandards durchzusetzen. Was sich nicht schnell transformieren lässt, ist das Know-how von Mitarbeitern: Das ist der Punkt. Wir müssen viel mehr im Bildungswesen leisten und weiter in die Qualifizierung von Mitarbeitern investieren. Mein Eindruck ist, dass in der Schule noch zu wenig auf die Lebenswirklichkeit abgezielt wird. Interdisziplinäres Denken spiegelt sich im Unterricht nicht genügend wider.

-Unternehmen und Privatleute leiden nicht nur unter hohen Rohstoffpreisen, sondern auch unter hohen Energiepreisen.

Wir befinden uns auf einem langfristigen und stabilen Preistrend nach oben. Dass wir derzeit eine Beruhigungsphase sehen, ändert nichts daran. Das bedeutet, dass es überhaupt keinen Sinn hat, die Lösung darin zu suchen, staatlich administrierte Preise einzuführen.

-Dann halten Sie nichts von Horst Seehofers jüngstem Vorschlag eines Stromspartarifs?

Das ist eine echte Schnapsidee. Der Staat will hier privatwirtschaftliche Unternehmen zwingen, bestimmte Preise für bestimmte Kundengruppen anzubieten. Mit dem gleichen Recht könnte Seehofer fordern, dass Aldi und Lidl für Geringverdiener bestimmte Güter billiger abgeben. Solche Ideen sind rein populistisch. Es ist nicht Aufgabe von Unternehmen, sondern Aufgabe des Staates, diejenigen zu unterstützen, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft bestreiten können.

-Wie viel Macht hat ein IHK-Chef?

Macht hat er keine, aber Einfluss. Wir haben den Zugang zu den Politikern und die müssen wir überzeugen. Dabei ist mir egal, ob man das Lobbyismus nennt oder Interessenvertretung für die Wirtschaft. Es ist mir ebenfalls egal, ob ein Vorschlag von einem CSU- oder SPD-Politiker kommt oder von einem Grünen. Wenn er für die Wirtschaft gut und vernünftig ist, unterstütze ich ihn.

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