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Heinrich Traublinger (70) ist Handwerker mit Leib und Seele. Lange Jahre saß der Bäcker- und Konditormeister für die CSU im Landtag, seit 1994 ist er Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern – daneben unter anderem Präsident des bayerischen Handwerkstags. Ein besonderes Anliegen ist ihm die energetische Gebäudesanierung. Tauscht ein Hausbesitzer die alte Heizung aus, sollte er das von der Steuer absetzen können, findet Traublinger.

Interview mit Heinrich Traublinger

Öko-Strom: Mittelstand braucht Entlastung

München - Das Handwerk beschäftigt 280.000 Menschen in Oberbayern. Doch die Wirtschaftsmacht kämpft mit Image-Problemen. Wir sprachen mit Heinrich Traublinger, Präsident der Handwerkskammer Oberbayern, über Nachwuchssorgen.

Die Handwerkskammer für München und Oberbayern vermittelt spanische Handwerker in oberbayerische Betriebe. Ein drastischer Schritt. Wie schwer trifft der Fachkräftemangel das Handwerk?

Wir haben seit mehreren Jahren eine Fachkräftesituation, die uns Sorge bereitet. Das liegt zum einen an der demografischen Entwicklung. Es gibt immer weniger Schulabgänger. Zum anderen hat das Handwerk ein Imageproblem. Das Handwerk bietet hervorragende Karrierechancen. Das versuchen wir durch Imagekampagnen zu vermitteln – Schülern und Eltern.

Eigentlich müssten Sie die Argumente auf Ihrer Seite haben. Hochschulabsolventen erwarten oft unsichere Berufsaussichten. Das Handwerk bietet eine solide Perspektive. Lässt sich das so schwer vermitteln?

Ja. Der klassische Bildungsweg führt heute immer noch über das Abitur. Dazu kommt die OECD, die Bildungsstandards an der Zahl der Abiturienten und Studierenden festmacht. Das ist der falsche Weg. Es wird nicht berücksichtigt, welchen Stellenwert unser duales Ausbildungssystem hat. Dieses System wird weltweit geachtet und nachgefragt. Mittlerweile haben wir einen Teilerfolg errungen: Unsere Meister werden von der OECD als höchstqualifiziert eingeordnet. Aber das ist weder in den Köpfen der Eltern noch in den Köpfen vieler Politiker angekommen.

Was fordern Sie von der Politik?

Auf politischer Seite haben wir viel erreicht. Unsere Meisterinnen und Meister haben uneingeschränkten Hochschulzugang. Jetzt muss vor allem eine Veränderung im Bewusstsein in der Bevölkerung stattfinden. Dabei müssen wir das moderne Handwerk in die Köpfe der Menschen bringen. Wir bilden in 130 verschiedenen Berufen aus und die Mehrzahl ist technisch hochmodern.

Immer mehr Traditionsbetriebe wie Bäckereien und Metzgereien schließen. Woran liegt das? Oder täuscht der Eindruck?

Ja, es gibt viele Unternehmen, die aufgeben müssen. In den letzten 10 Jahren haben jede fünfte Bäckerei und gut ein Viertel der Metzgereien in Bayern geschlossen. Das Problem ist, dass wir nicht genügend qualifizierten Nachwuchs finden. Das geht quer durch alle Handwerksberufe.

Namhafte Unternehmen – etwa in der Automobilindustrie – haben keine Nachwuchssorgen. Liegt das an der Vergütung?

Nein. Es gibt Umfragen, nach denen die Ausbildungsvergütung bei der Berufswahl relativ weit hinten rangiert. Aber ohne Zweifel können einige große Unternehmen aus dem Vollen schöpfen. Da steht allerdings nicht der Beruf, sondern der Name des Unternehmens im Vordergrund. Man darf aber nicht vergessen: Das Handwerk bildet nach wie vor 30 Prozent der Schulabgänger aus. Wir sind die Ausbilder der Nation.

Zurück zu Ihrem Spanien-Projekt: Hat  sich die Arbeit bereits ausgezahlt?

Ja. Wir haben mittlerweile 500 Bewerbungen, über 80 zu besetzende Stellen im oberbayerischen Handwerk, 19 erfolgreiche Vermittlungen. Die EU und die bayerische Staatsregierung unterstützen uns bei 21 Vermittlungen – befristet bis Ende 2013. Wir werden das Projekt aber auf jeden Fall weiterführen – ganz gleich, ob es weiterhin gefördert wird.

Vom Fachkräftemangel zu erfreulicheren Dingen: 87 Prozent der Betriebe in Oberbayern schätzen ihre Lage gut ein. Zieht sich die positive Stimmung durch alle Branchen?

Durch fast alle. Vor allem im Bau- und Ausbaugewerbe haben wir nach dem langen Winter eine enorme Betriebsauslastung und so volle Auftragsbücher wie seit langem nicht mehr. Sorgen macht uns der Kfz-Sektor. Die Neuzulassungen in Deutschland sind im ersten Halbjahr um neun Prozent zurückgegangen – und die Abwrackprämie wirkt nach. Es gab deutliche Einbrüche, die allerdings von den hohen Absatzzahlen in der Automobilindustrie kaschiert werden.

Inwieweit sind die Erfolgsmeldungen im Handwerk staatlichen Fördermitteln – etwa bei der energetischen Gebäudesanierung – geschuldet?

Gar nicht. Die energetische Gebäudesanierung ist eine unserer größten Baustellen. Wir brauchen hier eine steuerliche Entlastung. Wer investiert, soll davon auch etwas haben.

Energiewende: Diese Probleme sind noch zu lösen

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Sie haben mehrfach kritisiert, dass die Kosten der Energiewende auf dem Rücken des Mittelstands und der Verbraucher ausgetragen werden. Was würden Sie sich wünschen?

Mittlerweile haben alle Parteien verstanden, dass es so nicht weitergehen kann. Durch die EEG-Umlage werden den Verbrauchern und dem Mittelstand jedes Jahr 20 Milliarden Euro aus der Tasche gezogen. Geld, das für den Konsum fehlt. Wir brauchen einen Masterplan, der die Grundlastsicherung gewährleistet, der die Netze leistungsfähiger macht und der vor allem die Variable bei den regenerativen Energien abfedern kann. Außerdem dürfen nicht nur große energieintensive Unternehmen von der Ökostrom-Umlage entlastet werden, sondern auch energieintensive Mittelständler.

In welcher Form?

Die Entlastung der Großen sollte etwas zurückgenommen werden – zugunsten der Mittelständler. Bisher werden Unternehmen ab 1 Gigawatt und ab 10 Gigawatt entlastet. Warum nicht ab 0,1 Gigawatt? Profitieren würden alle Handwerksbetriebe, die viel mit Wärme, Kälte und Kraft arbeiten: Schreinereien, Zimmereien, Bäckereien etc.

Herr Traublinger, kommen wir zu Ihrer Person. Sie sind seit 1994 Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Im Rückblick: Was haben Sie erreicht?

Ich möchte noch nicht Bilanz ziehen, dafür liegt noch zu viel Zeit vor mir, die ich auch nützen möchte. Wir haben ja einige Themen angesprochen, die es zu lösen gibt. Da möchte ich dabei sein.

Was war Ihr größtes Anliegen in den vergangenen Jahren?

Eines meiner größten Anliegen war die Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung. Was den Gesetzgeber anbelangt, kann man darunter einen Haken machen. Nur die gesellschaftliche Wahrnehmung muss sich noch ändern.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Wollen Sie sich wieder in den Familienbetrieb einbringen, den mittlerweile Ihr Sohn leitet?

Da würde sich mein Sohn schön bedanken! Handwerkspolitische Tätigkeit ist ja nicht immer an ein Mandat gebunden. Ich werde auch ohne das Präsidentenamt weiter für das Handwerk wirken.

Zusammenfassung: M. Dollinger

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