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Nach Auffassung von Ökonomen wird der Brexit der deutschen Wirtschaft zumindest kurzfristig einen merklichen Dämpfer verpassen. 

Insgesamt gute Entwicklung

Ökonomen: Brexit dämpft Konjunktur

Berlin/ Frankfurt - Die ganz großen Befürchtungen rund um den Brexit sind etwas abgeflaut - doch wenigstens vorübergehend dürfte das EU-Ausstiegsvotum der Briten auch die deutsche Konjunktur treffen. Den gesamten Euroraum könnte es noch ein wenig stärker erwischen. Und wie sieht es längerfristig aus?

Die Wirtschaft in Deutschland und in der gesamten Eurozone bekommt im nächsten Jahr nach Einschätzung von Ökonomen einen Dämpfer verpasst. Grund ist der EU-Ausstieg Großbritanniens.

Zwar sind die Details des Brexits noch lange nicht verhandelt. Es gebe aber schon jetzt Sorgen um Exporte und Investitionen, erklärte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Donnerstag. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) senkte ihre Erwartungen für 2017.

EZB senkt Erwartungen für 2017

Das DIW nimmt für das laufende Jahr noch ein Wachstum von 1,9 Prozent an. Laut seiner Prognose soll das Plus der deutschen Wirtschaftsleistung 2017 dann aber mit 1,0 Prozent spürbar geringer ausfallen - ehe das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2018 mit 1,6 Prozent wieder anzieht. DIW-Chef Marcel Fratzscher warnte: "Das Brexit-Votum schafft Unsicherheit und wird weltweit viele Unternehmen veranlassen, Investitionen aufzuschieben." Insgesamt sei die Konjunktur jedoch auf Kurs, das erwartete deutsche Wachstum 2016 höher als zuvor gedacht.

Die EZB beurteilte die mittelfristigen Aussichten im Euroraum ebenfalls etwas pessimistischer. Für 2016 kalkuliert sie mit einem Zuwachs des BIP um 1,7 Prozent - 0,1 Prozentpunkte mehr als bei der letzten Prognose vor drei Monaten. 2017 und auch 2018 werde es dann aber wohl genau umgekehrt sein: Statt der bisher angenommenen 1,7 dürften es noch 1,6 Prozent Plus werden. Ein Grund laut EZB-Präsident Mario Draghi: das Votum der Briten zum Austritt aus der EU.

Unternehmen könnten Investitionen aufschieben

Auch das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel rechnet mit Folgen des Referendums - zumindest vorübergehend. Beim für 2016 erwarteten deutschen Wachstum (1,9 Prozent) liegt es mit den DIW-Kollegen auf einer Linie, für 2017/2018 sind die Kieler optimistischer (1,7/2,1 Prozent). "Das Brexit-Votum dämpft auch hierzulande etwas, aber es würgt die Konjunktur nicht ab", meinte IfW-Experte Stefan Kooths. Die Forscher gehen zudem davon aus, dass die Deutschen mehr Geld ausgeben: Der Privatkonsum werde kräftig zulegen, die Teuerungsrate von 0,4 Prozent (2016) auf 1,6 Prozent (2018) merklich ansteigen.

Deutsche werden wahrscheinlich mehr Geld ausgeben

Bisher versucht die EZB relativ erfolglos, die niedrige Inflation über immer mehr billiges Zentralbank-Geld anzuheizen. Die Notenbank selbst sieht für 2016 eine Zunahme des Preisniveaus um gerade einmal 0,2 Prozent. Für 2017 sagen die Währungshüter einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,2 Prozent, für 2018 um 1,6 Prozent voraus. Bleiben Waren und Dienstleistungen dauerhaft billig, kann die gesamte Konjunktur ins Wanken geraten, weil Investitionen verschoben werden.

Der deutsche Arbeitsmarkt wird nach Meinung der Wissenschaftler von der insgesamt noch guten Entwicklung profitieren. So rechnet das IfW mit einem Rückgang der Erwerbslosenquote von 6,1 Prozent im laufenden Jahr bis auf 5,8 Prozent im Jahr 2018. Beim DIW hieß es: "Der Beschäftigungsaufbau bleibt kräftig, wenngleich er etwas an Schwung verliert." Der Überschuss in den öffentlichen Haushalten könnte laut IfW von 16,7 Milliarden Euro 2016 auf 26 Milliarden Euro 2018 zulegen. Fratzscher warnte hingegen: "Die Befürchtung ist groß, dass die öffentliche Hand die hohen Überschüsse für Wahlgeschenke nutzt, statt Investitionen in Infrastruktur und Bildung zu erhöhen."

Statt Wahlgeschenken lieber in Bildung investieren

Das Essener Forschungsinstitut RWI legte am Donnerstag eine ähnliche Prognose vor. Auch hier nimmt man für das Gesamtjahr 2016 einen BIP-Zuwachs von 1,9 Prozent an. Für 2017 und 2018 wird dagegen eine Abschwächung auf 1,4 Prozent beziehungsweise 1,6 Prozent erwartet.

dpa

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