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Mit Ökostromangeboten sollte eigentlich der Ausbau von Windparks und Solaranlagen vorangetrieben werden. Allerdings garantieren dies nur 13 von 19 untersuchten Tarifen

Ökostrom - oft eine Mogelpackung

München - Nicht überall, wo Öko draufsteht, ist auch Öko drin: Nur zwei von drei Ökostrom-Angeboten nutzen der Umwelt. Dies ergab eine Untersuchung von Stiftung Warentest.

Die Nachfrage nach Strom mit gutem Gewissen steigt: Rund 730 Stromlieferanten in Deutschland bieten inzwischen einen Ökotarif. Insgesamt 19 bundesweite Angebote hat die unabhängige Stiftung Warentest in ihrer aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „test“ (Februar 2012) unter die Lupe genommen. Dabei wurden nur Tarife mit einer Vertragslaufzeit von maximal sechs Monaten berücksichtigt. Billiganbieter sind also nicht vertreten. Hier liegt die Mindestlaufzeit meist bei einem Jahr.

Verwirrung um Öko-Zertifikate

Wer auf grünen Strom setzt, will den Ausbau der Erneuerbaren vorantreiben und einen Beitrag für den Umweltschutz leisten. Doch nur bei 13 der 19 geprüften Tarife sei dies auch der Fall. „Das Problem: Zurzeit gibt es mehr Ökostrom als Ökostromkunden“, schreibt die Stiftung Warentest. Die Wahl eines Ökotarifs biete daher oftmals keinen echten Umweltnutzen. „Der entsteht erst, wenn der Ökotarif konventionellen Strom vom Markt verdrängt.“ Mit dem Kauf von Ökostrom sollten eigentlich neue Wind- und Photovoltaikanlagen entstehen. Obwohl alle untersuchten Tarife 100 Prozent grünen Strom liefern, garantieren nur 13 Tarife eine Zubauwirkung.

Grundsätzlich haben die Anbieter zwei Möglichkeiten, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu fördern: Sie können direkt in neue Anlagen investieren oder durch Lieferverträge festschreiben, dass die Ökokraftwerke ein bestimmtes Höchstalter nicht überschreiten. Dies führt auch zu grünen Investitionen. Die Mehrheit der Anbieter wählt aus Kostengründen die zweite Variante. Dies lassen sie sich dann mit einem Zertifikat bescheinigen. Allerdings gibt es zur Verwirrung der Verbraucher verschiedene Zertifikate – mit unterschiedlich hohen Anforderungen.

Ökostrom aus Skandinavien

Der Strom für Ökotarife kommt meist aus Wasserkraftwerken in Skandinavien, Österreich oder der Schweiz. Der Grund ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es fördert den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. Die Kosten tragen alle Stromkunden über die EEG-Umlage (derzeit 3,6 Cent pro Kilowattstunde). Strom, für den ein Erzeuger Geld aus der EEG-Förderung erhalten habe, dürfe in der Regel nicht noch einmal als Ökostrom verkauft werden, schreibt Stiftung Warentest. Die Folge: „Die Versorger kaufen Ökostrom im europäischen Ausland.“

Um Bestnoten im Test zu bekommen, durften sich die Anbieter nicht darauf beschränken, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu fördern. Die Tester erwarteten deutlich mehr Initiative. Dies reicht vom kostenlosen Verleih von Energiemessgeräten (Stadtwerke München) bis hin zu Beratungsangeboten zur Heizungsmodernisierung (Greenpeace Energy).

„Sehr stark“ ökologisch engagiert und zusätzlich mit guten Vertragsbedingungen sind laut Test die Tarife der Ökostromanbieter EWS Schönau (Tarif Sonnencent 0,5), Lichtblick (Lichtblick-Strom) und Naturstrom (naturstrom). Greenpeace Energy (Privatkundentarif) sei ebenfalls „stark engagiert“, die Tarifbedingungen aber nur „befriedigend“, urteilten die Tester. Auch die Stadtwerke München (M-Ökostrom aktiv) schnitten mit einem „starken“ Engagement und „guten“ Vertragsbedingungen positiv ab.

Vorsicht vor langen Kündigungsfristen

Vor einem Vertragsabschluss sollten die Kunden das Kleingedruckte gründlich lesen. Stiftung Warentest empfiehlt eine kurze Kündigungsfrist von vier Wochen. Bei Kündigungen während des Jahres sollten möglichst keine zusätzlichen Abrechnungsgebühren anfallen. Auch bei Bonus und Preisgarantie lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Viele Anbieter würden die Preisgarantie einschränken und höhere Steuern oder Abgaben an die Kunden weiterreichen, warnen die Tester. Beim Anbieter-Vergleich sollten daher nur Preise ohne Bonus betrachtet werden.

mm

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