Im Ölparadies weht ein frischer Wind

Dallas - Alles, so sagt der Volksmund, sei größer in Texas. Die Steaks. Die Hüte. Die Autos. Der Stolz ihrer Besitzer. Und der Einfluss der Industrie-Giganten und Öl-Barone, die mit dazu beitrugen, der Region im Süden der USA einen weiteren Rekordstatus zu verleihen: Texas stößt so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre aus wie kein anderer US-Bundesstaat.

Wäre "Big Country" Texas eine Nation, würden Experten es derzeit auf Platz sieben der globalen Klimasünder stellen. Da mag es paradox klingen, dass ausgerechnet hier ein kräftiger Wind des Wandels wehen kann - im wahrsten Sinne des Wortes. Das beste Beispiel für umweltpolitisches Umdenken ist dabei die 1378-Seelen-Stadt Roscoe im Westen des Bundesstaates. Einst eine gesichtslose Ansiedlung mit einer von geschlossenen Geschäften geprägten Hauptstraße, ist Roscoe heute auf dem besten Weg, zu einem der größten Windfarm-Zentren der Welt zu werden. Denn wo immer in der näheren Umgebung von Roscoe das Auge auch schweift - die Landschaft ist großflächig "verspargelt", wie Kritiker in Deutschland Windräder gerne bespötteln.

"Wind City USA" nennen die Bürger mittlerweile längst ihre Stadt, und das zu Recht: Das irische Energieunternehmen Airtricity, dessen amerikanischer Betriebsteil seit Herbst 2007 zum deutschen Eon-Konzern gehört, arbeitet derzeit mit Hochdruck um Roscoe an der letzten Installationsphase von 640 Windrädern, die insgesamt 800 Megawatt Strom liefern sollen - genug, um rund 265 000 Haushalte zu beliefern. Für mehr als 400 Grundstücksbesitzer rund um die Stadt, die vor wenigen Jahren noch wertloses Brachland besaßen, klingelt nun die Kasse: Die jährlichen Pachtgebühren, die der Windradbetreiber zahlt, liegen pro Turbine zwischen 5000 und 15 000 US-Dollar. Und mancher Farmer hat hier bis zu 20 der bis zu 135 Meter hohen Windräder auf seinem Land stehen.

"Wir haben einst den Wind verflucht", sagt Landwirt Cliff Etheredge, "weil er unser Getreide beschädigt und das Land ausgetrocknet hat. Doch heute lieben wir den Wind." Der 66-jährige Etheredge gilt als einer der "Wind-Pioniere" der Region, weil er zunächst eigenständig Windmessungen vornahm und dann andere Farmer davon überzeugte, Investoren anzusprechen. Im örtlichen "Roscoe Wind Council" sitzt er natürlich auch - eine noch junge Organisation, die Windenergie fördern und bei den wenigen noch skeptischen Bürgern populär machen soll. Die Argumente sehen Etheredge und seine Council-Kollegen klar auf ihrer Seite.

Im einst zum wirtschaftlichen Sterben verurteilten Roscoe gibt es erstmals seit Jahrzehnten wieder Job-Wachstum und neue Restaurants, denn Turbinen müssen gewartet, die Energieproduktion verwaltet und die damit beauftragten Menschen verköstigt werden. Und: Die Stromproduktion durch den Wind, der in den weiten Flächen um Roscoe oft mit konstanten 30 Stundenkilometern bläst, ist so gut wie schadstofffrei. Erstmals vergibt der "Wind Council" in diesem Jahr ein Stipendium, um den Gedanken der Wind-Energie auch in die regionalen Schulen zu tragen. "Die jungen Menschen müssen die Chancen sehen, die damit verbunden sind", sagt Etheredge.

Das ist ein gewaltiger Richtungswechsel in einem bisher von der Öl-Dominanz geprägten Bundesstaat, dessen Gouverneur Rick Perry bis vor kurzem noch das Phänomen der globalen Erwärmung in Abrede stellte und lästerte, die größte Quelle von Kohlendioxid sei der Mund von Nobelpreisträger Al Gore. Doch immer mehr Texaner erkennen offensichtlich die Zeichen der Zeit - und dies nicht nur im Städtchen Roscoe.

Der US-Geschäftsmann und texanische Öl-Milliardär Thomas Boone Pickens plant derzeit einen Windpark, der die unübersehbaren "Spargel" von Roscoe vom Umfang her noch in den Schatten stellen soll. Der 80-Jährige will bis 2011 bis zu 2700 Windräder auf insgesamt 800 Quadratkilometern ebenfalls im Westen von Texas errichten - was dann die größte "Windfarm" der Welt wäre.

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