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Weniger als einen halben Cent kostet die Förderung eines Liters Rohöl in der arabischen Wüste. Selbst nach Einrechnung der Transportkosten bleibt den Erzeugern hier ein Ertrag von rund einem halben Euro.

Der Ölpreis auf dem Weg zum Verbraucher

München – Aus Biomasse schufen Kleinstlebewesen und die ungeheure Kraft tektonischer Verschiebungen in Jahrmillionen eine Substanz, die heute die Weltwirtschaft am Laufen hält: Erdöl. Der Münchner Merkur begleitet einen Liter auf seinem Weg von der Quelle zum Verbraucher – und erleben eine wundersame Wertvermehrung.

Jahrtausendelang wussten die Menschen nicht viel mit dem zähflüssigen Stoff anzufangen, der an vielen Stellen der Erdoberfläche kleine klebrige Pfützen bildete. Fischer aus dem Golf vom Arabien dichteten mit dem Steinöl ihre Holzboote ab, Ärzte legten es als Heilsalbe auf eiternde Geschwüre. Bald diente es als Brennstoff in schrecklichen feuerspeienden Waffen. Erst in den letzten 100 Jahren wurde daraus der Treibstoff, der die Weltwirtschaft am Laufen hält.

Erdöl ist der wichtigste Brennstoff und gleichzeitig ein unentbehrlicher Rohstoff für die chemische Industrie. Die hohe Nachfrage und langfristig steigende Preise sorgen dafür, dass sich auch immer teurere Fördermaßnahmen lohnen.

Weniger als ein halber Cent pro Liter

Quellen, wo Öl praktisch aus eigener Kraft aus dem Boden sickert und eigentlich nur in Fässer geschöpft werden muss, sind rar. Doch es gibt sie noch, vor allem im Mittleren Osten. Meist saugen riesige Pumpen, wegen ihres Aussehens Pferdeköpfe genannt, das Öl an die Oberfläche. Hier beginnt unsere Reise.

Rund einen Dollar kostet die Förderung aus dem arabischen Wüstenboden pro Barrel. Das ist das englische Wort für das früher als Behälter und Transportmittel eingesetzte Fass. Einem Barrel entsprechen 159 Liter. Damit kostet ein Liter zu diesem Zeitpunkt nicht einmal 0,5 Euro-Cent. Das erklärt, warum Ölstaaten so unermessliche Reichtümer ansammeln können. In der Nordsee kostet die Ölförderung das Vierfache. Öl, das die österreichische Mineralölverwaltung aus dem Boden des Weinviertels holt kostet sogar 11 Dollar pro Barrel.

Wetten auf die Marktentwicklung

Mit Marktpreisen haben diese Kosten nichts zu tun. Die entstehen an den Terminmärkten, etwa in Chicago, London oder Rotterdam. Hier werden Wetten abgeschlossen. Schon lange bevor das Öl gefördert ist, kaufen Interessenten für eine geringe Gebühr die Rechte daran. Diese Gebühren variieren stark. Für unsere vereinfachte Modellrechnung gehen wir von einem hundertstel Cent pro Liter aus. Dafür bekommt der Käufer das Recht im Februar oder März für 100 000 Euro eine Milliarde Liter für – sagen wir – 50 Cent pro Liter zu kaufen. Treibt die Nachfrage den Preis zu diesem Zeitpunkt auf 51 Cent, ist der Verdienst gewaltig: 10 Millionen Euro. Sinkt der Preis dagegen auf 49 Cent ist der Einsatz komplett weg, weil niemand 50 Cent für etwas ausgeben will, was er auch für 49 Cent bekommt. Dabei wandert unser Öl, schon lange bevor es überhaupt den Weg nach Rotterdam antritt, oft mehrmals täglich über den Tisch der Händler.

Der Weg des Öls übers Meer

Bequemer haben es die Araber, wo unser Liter nun bereits seine ersten Kilometer hinter sich gebracht hat. Das Fass hat als Transportmittel längst ausgedient. In Rohrleitungen (Englisch: Pipelines) reist unser Öl vom Ölfeld bis zum Meer.

Bis hierhin hat unser Liter Öl Kosten von immer noch nicht mehr als einen halben Euro-Cent verursacht. Jetzt kommt noch etwas drauf, weil das Öl, so wie es aus dem Boden kommt, keiner brauchen kann. Das enthaltene Wasser wird abgeschieden, der Sand herausgefiltert, flüchtiges Gas aus dem Öl wird abgefackelt und schließlich werden Salze herausgelöst. Dann erst ist der Stoff wirklich reisefertig. Das geschieht ebenfalls per Pipeline, oder – in unserem Fall mit riesigen Tankern übers Meer. Reinigung und die jetzt fälligen Frachtkosten zum Ölhafen Rotterdam verdoppeln die Kosten. Sie liegen nun bei einem Cent pro Liter. Das ist natürlich fast nichts gemessen an den Preisen in Rotterdam, wo es im Sekundentakt rauf und runter geht.

Nadelöhr Suez-Kanal

Die Kosten steigen währenddessen weiter maßvoll. Der volle Tanker kann nicht durch den Suez-Kanal fahren, weil er auf Grund laufen würde. So wird er leergepumpt. Während der Tanker nach Port Said tuckert, fließt das Öl nebenan über eine Pipeline in Richtung Mittelmeer. Dort wird es erneut in den Tanker gepumpt. Das alles macht noch einmal rund einen halben Cent pro Liter. Die Kosten sind damit immerhin schon auf 1,5 Cent geklettert. Sie steigen noch einmal durch die Hafengebühr von rund 0,1 Cent pro Liter am wichtigsten europäischen Umschlagplatz Rotterdam. Hier wechselt das Öl, das seit Monaten an den Terminmärkten gehandelt wird, erstmals wirklich seinen Besitzer. Falls der Terminkontrakt hält, zum vereinbarten Preis. Falls nicht, wird es am sogenannten Spotmarkt zum tagesaktuellen Preis angeboten. Der schwankt derzeit um rund 110 Dollar (81,81 Euro) pro Barrel für die Sorte Arab Light. Das sind pro Liter 51,5 Cent. Bleiben also fast 50 Cent Gewinn pro Liter, die über die staatliche saudische Ölgesellschaft Aramco das Vermögen des Königreichs mehren.

Wie aus Öl Benzin und Diesel werden

Unser Liter Rohöl hat nun einen Preis von 51,5 Cent erreicht. Nun geht es aber darum, daraus verwertbare Produkte zu machen. Dazu werden die einzelnen Bestandteile durch Erhitzen nach unterschiedlichen Siedepunkten getrennt. Benzin, Diesel/ Heizöl, Schweröle und Bitumen sind die wichtigsten Bestandteile. Um die Ausbeute beispielsweise an Benzin und Diesel zu erhöhen, werden zusätzlich die längeren Moleküle der schwereren Sorten durch unterschiedliche chemische Verfahren getrennt.

Das ist ein aufwendiger Prozess mit unterschiedlichen Verlusten. Etwa ein Viertel der Rohöl-Menge wird zu Benzin, ein weiteres sind sogenannte Mitteldestillate (Diesel, Heizöl, Kerosin). Obwohl die Verarbeitung der teuerste Schritt in der ganzen Kette ist, lässt sich daran nicht annähernd so viel verdienen wie durch Förderung oder Handel: Benzin und Diesel kosten normalerweise etwa 55 Cent pro Liter.

Doch hier läuft derzeit gar nichts normal. Weil in der Wintersaison Heizöl stark nachgefragt wird, ist der Preis für Diesel und leichtes Heizöl (beides ist im Prinzip das Gleiche) auf fast 65 Cent pro Liter geklettert, während Superbenzin sogar billiger wurde und nur knapp über 50 Cent pro Liter kostet. Auch hier fallen noch einmal Transportkosten an – je nach Wegstrecke. Erst dann ist man beim Kunden.

Auf dessen Rechnung steht derzeit ein Nettopreis zwischen 77 und 90 Cent pro Liter. Enthalten sind darin auch 6,135 Cent Mineralölsteuer. Sie allein steigern den Preis auf 71 Cent pro Liter. Von den restlichen 6 bis 19 Cent sind aber noch die Transportkosten ab Raffinerie und Lagerkosten zu bestreiten. Dazu kommt noch die Mehrwertsteuer. Anders sieht die Rechnung beim Kraftstoff aus. Von 1,50 Euro für den Liter Diesel sind allein 24 Cent Mehrwertsteuer. Dazu kommt noch die Energiesteuer in Höhe von 47 Cent. Damit geht mit 71 Cent der mit Abstand größte Teil der Spritkosten ans Finanzamt. Beim Benzin ist das noch deutlicher: In 1,55 Euro Preis sind 25 Cent Mehrwertsteuer enthalten und 64 Cent Energiesteuer – macht zusammen 89 Cent für den Fiskus.

Finanzamt und Erzeuger nehmen den Löwenanteil. Die berüchtigten Ölmultis verdienen zwar an allen Stellen, an denen unser Weg vorbeiführt mit, in vielen Ländern auch an der Förderung. Dennoch bleiben selbst ihre Milliardengewinne gemessen an den astronomischen Einnahmen der Exportländer ein eher bescheidener Posten.

Martin Prem

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