Billig wie selten

Ölpreis-Verfall: Wem er nützt, wem er schadet

München - Die Ölpreise sinken immer weiter. Für die Verbraucher scheint das positiv. Doch im Hintergrund geht es darum, wer künftig den Ölhahn in der Hand hält und die Preise bestimmen kann.

Die Tankanzeige nähert sich bedrohlich der Nullmarke. Der Blick auf die Preisschilder der Tankstellen hilft dem Autofahrer nicht weiter. Über 1,15 Euro für einen Liter Super. „Zu teuer“, denkt sich der Autofahrer. „Morgen wird’s bestimmt billiger.“ Er ist nicht der Einzige. Da hat sich in den Köpfen etwas dramatisch gedreht. Es ist erst einige Monate her, als viele Autofahrer den noch weit mehr als halbvollen Tank wieder gefüllt haben, wenn irgendwo halbwegs erträgliche Preise auf den Schildern zu erkennen waren.

Tatsächlich kennen die Benzinpreise (wie auch die für Heizöl) derzeit nur eine Richtung: Nach unten. Gestern war ein Liter Diesel an einzelnen Tankstellen zeitweise unter einem Euro zu haben. Bemerkenswert ist dabei, dass derzeit auch der Euro schwächelt. Das müsste das importierte Öl verteuern. Doch die Rohölpreise stürzen der Gemeinschaftswährung voraus. Auch gestern ging der Abwärtstrend bei den Ölpreisen weiter. Die Ölpreise haben gestern weiter an Boden verloren. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Februar kostete am Morgen 48,49 Dollar, 21 Cent weniger als am Mittwoch. Ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) verbilligte sich um 20 Cent auf 48,27 Dollar. Seit dem vergangenen Sommer sind die Preise für Rohöl damit um fast 60 Prozent eingebrochen und liegen so niedrig wie seit dem Frühjahr 2009 nicht mehr.

Die Ölländer sind gespalten: Es gibt traditionelle Förderländer, die ihren Staatshaushalt und den Lebensstandard der Bevölkerung aus den aktuellen Öleinnahmen bestreiten. Sie leiden unter den ausbleibenden Einnahmen. Russland beispielsweise gehört dazu. Wie sehr die gesamte Volkswirtschaft im flächengrößten Land der Erde vom Erdöl abhängig ist, zeigt sich auch darin, dass der Rubel gemeinsam mit dem Ölpreis abgestürzt ist. Aber auch der russische Akteinindex RTS folgt dem Preis für das flüssige Gold. Denn Energieförderkonzerne wie Gazprom oder Lukoil stehen allein für mehr als die Hälfte der Marktkapitalisierung im wichtigsten russischen Aktienindex. Längst sind die Sanktionen infolge der Ukraine-Krise für Russland nur noch das kleinere Problem. Vor allem leidet das Land unter dem Ölpreisverfall.

Ein wichtiges lateinamerikanisches Ölförderland versucht jetzt gegenzusteuern: Venezuela. Staatschef Nicolás Maduro tourte durch mehrere Mitgliedstaaten des Opec-Kartells. Er warf den USA dabei vor, durch die Fracking-Methode für ein Überangebot auf dem Ölmarkt zu sorgen. Die Vereinigten Staaten wollten die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) „in die Knie zwingen“, kritisierte Maduro, der unter anderem Saudi-Arabien, Katar und Algerien besuchte. Für das Opec-Mitglied Venezuela ist die Preisfrage überlebenswichtig. Das Land erzielt über 90 Prozent der Deviseneinnahmen aus seinen Ölexporten, der Staatshaushalt speist sich zu mehr als 50 Prozent aus dem Ölgeschäft.

Soeben hat die Ratingagentur Moody’s Venezuelas Kreditwürdigkeit wegen der fallenden Ölpreise von Caa1 auf Caa3 (in Zahlungsverzug) gesenkt. Denn Besserung in dem Land ist nicht in Sicht. In der Opec selbst gab es bisher keine Anzeichen dafür, die Ölpreise durch eine Drosselung der Produktion zu stabilisieren. Fracking ist auch längst nicht mehr das Problem. Denn diese besonders aufwendige Form der Ölgewinnung lohnt sich bei den gegenwärtigen Marktpreisen längst nicht mehr. Erst ab Preisen oberhalb von 70 Dollar galt Fracking als profitabel.

Hilfe für Venezuela ist aus dem arabischen Raum nicht zu erwarten. Denn dort rinnt das Öl fast von selbst aus dem Boden. In keiner anderen Region ist die Förderung billiger. Außerdem haben dieses Länder die Milliarden aus dem Rohstoffreichtum längst gewinnbringend angelegt. Sie halten – anders als alle Konkurrenten – auch längere Durststrecken durch. Zwei Markttrends helfen vor allem den Arabern: Marktpreise, bei denen sich Fracking nicht mehr lohnt, machen entsprechende Investitionen unrentabel. Das dürfte die aufstrebende Ölförderung in den USA zumindest bremsen. Gleichzeitig sorgen niedrige Ölpreise auch dafür, dass weniger in Energiesparmaßnahmen investiert wird – die Ölnachfrage bleibt hoch. Das zahlt sich für die Förderländer langfristig aus. Sie können dann wieder unbeeinträchtigt an der Ölpreisschrauben drehen. Auf lange Sicht dürfte die gegenwärtige Phase sinkender Energiepreise als historische Ausnahmesituation eingestuft werden.    

Martin Prem mit Material von dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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