Ölpreisrekord: Nur die Folge eines Missverständnisses bei Yukos

- Die Zukunft eines der weltweit größten Ölproduzenten ist ungewiss. Die Yukos-Krise sorgt weiter für Rekordhöhen bei den Ölpreisen. Am New Yorker Warenterminmarkt stieg der Preis auf den Spitzenwert von 43,50 Dollar je Barrel. Die Nordseesorte Brent kostete bis zu 39,80 Dollar, den höchsten Preis seit 14 Jahren. Über die Krise und die Folgen sprachen wir mit Ulrich Berz, Chefvolkswirt von Union-Investment.

<P>Warum ist der Ölpreis in den letzten Tagen so stark gestiegen?<BR><BR>Berz: Anlass waren Gerüchte, dass Yukos, der russische Ölproduzent, kein Öl mehr verkaufen dürfe. Dies ist ein Missverständnis. Nach unseren Informationen wurde Yukos lediglich verwehrt, komplette Ölfelder an andere Unternehmen zu veräußern.<BR><BR>Welche Auswirkungen hätte ein Ausfall der Öl-Produktion von Yukos?<BR><BR>Berz: Würde die Yukos-Produktion nicht zur Verfügung stehen, wäre dies gravierend. Denn Yukos trägt immerhin 2 % zur weltweiten Ölförderung bei. Aber Yukos fördert und darf auch verkaufen.<BR><BR>Warum reagieren die Aktienkurse so sensibel?<BR><BR>Berz: Klettert der Ölpreis um zehn Dollar, sinkt das Wirtschaftswachstum in den meisten Industriestaaten um 0,5 Prozent. Dies gilt für Europa und die USA.<BR><BR>Warum ist der Ölpreis dermaßen wichtig?<BR><BR>Berz: Als Grundstoff ziehen Ölpreisveränderungen einen Dominoeffekt für die Kette der Folgeprodukte nach sich. Denn von Autoreifen bis hin zu Kunststofftellern setzen sich die hohen Ölpreise im Wirtschaftskreislauf weiter fort. Insbesondere Fluglinien, aber auch Reifenhersteller und die gesamte Automobilbranche leiden darunter, wenn der Ölpreis steigt. <BR><BR>Geht uns bald das Öl aus? </P><P>Berz: Auf längere Sicht macht der hohe Ölpreis die Exploration attraktiver. So haben Ölkonzerne ihre Fühler insbesondere nach Libyen und nach Russland ausgestreckt. Darüber hinaus verfügt Kanada über riesige Vorkommen von Ölsand. Bei einem Ölpreis von mehr als 25 Dollar je Barrel können diese Vorkommen gewinnbringend abgebaut werden. Deshalb wird auch in den nächsten Jahrzehnten noch genügend Öl bereitgestellt werden können.<BR><BR>Die Ölpreise belasten derzeit die Börsen. Sind Ölaktien eine Alternative?<BR><BR>Berz: Ölaktien schützen teilweise vor den Kapriolen an den Ölmärkten. So kletterten in der Ölkrise von 1979 bis 1981 die Aktienkurse vieler Ölfördergesellschaften und erreichten im Jahr 1981 einen Anteil von fast 20 Prozent am Wert der rund um den Globus gehandelten Aktien. Exxon war damals das wertvollste Unternehmen der Welt.<BR><BR>Sind Ölaktien also langfristige Gewinner?<BR><BR>Berz: Nicht unbedingt. Bei rückläufigen Ölpreisen ging die Bedeutung der Ölaktien wieder zurück und pendelt seit Mitte der 80er Jahre um fünf Prozent der weltweiten Börsenkapitalisierung.<BR><BR>Welche Ölaktien sind derzeit interessant?<BR><BR>Berz: Nur die bedeutenden Ölgesellschaften können die erforderlichen enormen Explorationsvorhaben finanzieren. Hierbei sind die europäischen Konzerne wie die italienische Eni oder die französische Total in einer komfortablen Startposition. Während Eni über gute Kontakte nach Libyen verfügt, hat Total gute Chancen, an neuen russischen Ölfeldern zu partizipieren. Zudem sind die europäischen Ölproduzenten günstiger bewertet als ihre amerikanischen Konkurrenten. Engagements in einzelne Aktien können riskant sein. Als Royal Dutch die Reserven nach unten korrigieren musste, verlor die Aktie an einem Tag 10 % ihres Wertes. Aus diesem Grund sollten Anleger ihr Vermögen auf mehrere Ölgesellschaften streuen oder aber einen Fonds erwerben.<BR><BR>Ulrich Berz ist Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Union-Investment.<BR></P>

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