Offene Fragen nach Befreiungsschlag

- Rüsselsheim - Auf den ersten Blick ist General Motors mit dem radikalen Schnitt bei Opel ein Befreiungsschlag gelungen. Der weltgrößte Autobauer streicht 10 000 Stellen vom Gehaltszettel und hat endlich wieder Chancen, sein verlustreiches Europa-Geschäft in die schwarzen Zahlen zu bringen. "GM muss dringend Kosten sparen", sagt der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen.

Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass GM seine Tochter Opel in eine ungewisse Zukunft schickt. Der Aderlass von rund einem Drittel der Belegschaft könnte den traditionsreichen Autobauer nachhaltig schwächen. "Da geht Wissen verloren, die Forschung wird ausgedünnt und es gibt weniger Modellreihen", befürchtet der Bamberger Universitätsprofessor Wolfgang Meinig von der Forschungsstelle Automobilwirtschaft. Das Ansehen der Marke mit dem Blitz werde weiter leiden. Die vielen Negativ-Schlagzeilen der letzten Monate hätten das Image bereits jetzt angeschlagen, beschwerte sich der Betriebsrat kürzlich.<BR><BR>Das ist ein Teufelskreis: schwindet das Image, muss Opel Rabatte gewähren - die wiederum schmälern den Gewinn. Seit Jahren verblasst das Image. Der Slogan "Opel - der Zuverlässige" gilt lange nicht mehr: Der Marktanteil in Deutschland ist von traumhaften 17,2 Prozent im Jahr 1993 auf aktuell 10,3 Prozent gesunken. Bereits in den 90er-Jahren haben die Opel-Chefs, die fast ausschließlich Amerikaner waren, in der Modellpolitik und bei der - auf dem deutschen Markt besonders wichtigen - Qualitätsfrage nicht immer eine glückliche Hand gehabt.<BR><BR>Auch die Mitarbeiter müssen bangen. Experten glauben nicht, dass die neue Beschäftigungsgesellschaft den rund 6500 Opelanern tatsächlich neue Jobs vermitteln kann. "Faktisch sind diese Leute arbeitslos", sagte Herbert Buscher vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Die Arbeitslosigkeit sei im Prinzip nur aufgeschoben für 12 oder 24 Monate. "Gerade in strukturschwachen Gegenden wie Rüsselsheim und Bochum ist dieser Weg eine Einbahnstraße", sagt Wolfgang Meinig. Ihm sei "im Moment noch recht schleierhaft, wie Beschäftigungsgesellschaften oder Vorruhestand ausreichen sollen", formulierte Andreas Bremer vom Institut für Automobilmarktforschung seine Zweifel an dem Versprechen, auf Kündigungen verzichten zu wollen.<BR><BR>Zudem ist das Ende der Sparmaßnahmen längst nicht erreicht. Der GM-Europa-Vize Carl-Peter Forster hat bereits angekündigt:" Wir wollen eindeutig mehr einsparen als die Untergrenze von 500 Millionen Euro pro Jahr." Nach Ansicht vieler Branchenkenner muss GM aber genau den umgekehrten Weg einschlagen: Statt weiterer Einsparung massiv investieren. "GM muss Milliardenbeträge in die Hand nehmen, um eine neue, attraktive Modellgeneration auf den Markt zu bringen", sagt Autoanalyst Frank Biller von der Baden-Württembergischen Bank. "Bisher erkennt man keine solche klare Strategie." Nischen würden nicht besetzt, einen Geländewagen kann Opel beispielsweise nicht liefern.<BR><BR>Dem weltgrößten Autobauer könnte für Investitionen schlicht das Geld fehlen. Allein auf dem asiatischen Markt macht GM noch Gewinne, in Nord- und Südamerika kommen Gewinne nur noch vom Bankgeschäft des Konzerns. Allein die Personalkürzungen bei Opel kosten GM nach Betriebsratsangaben rund eine Milliarde Dollar. Gegen Investitionen in die deutschen Standorte sprechen auch die hohen Lohnkosten. GM hat ausgerechnet, dass die Personalkosten in Frankreich 25 Prozent günstiger sind als in Deutschland, in Polen sogar 85 Prozent.<BR><BR>Zahlreiche Fragen sind zudem noch ungeklärt. Das Thema Werksschließung ist noch nicht vom Tisch. Der Autokonzern hält geheim, in welchem Werk er künftig welche Modelle produzieren lässt.<BR><BR>

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