"Ohne Atomkraft sind die Klima-Ziele nicht zu schaffen"

Vattenfall-Chef: - Kaum eine Branche in Deutschland steht derzeit so unter Beschuss, wie die der Energie-Unternehmen: Die EU will ihnen die Leitungsnetze abknöpfen, Bundeswirtschaftsminister Michael Glos die Preisaufsicht verschärfen und Umweltschützer mäkeln an den CO2-Emissionen der Stromkraftwerke herum. Unsere Zeitung unterhielt sich über die aktuellen Probleme mit dem Vorstandschef des drittgrößten deutschen Versorgers Vattenfall, Klaus Rauscher.

Herr Rauscher, auf dem jüngsten Klimagipfel haben sich die EU-Staaten verpflichtet, den CO2-Ausstoß bis 2020 um ein Fünftel zu senken. Ist das in Deutschland überhaupt zu schaffen, wenn es beim Atom-Ausstieg bleibt?

Rauscher: Nach unserer Meinung sind die Klima-Ziele ohne Kernenergie nicht zu erreichen. Aus unserer Sicht kann man auf keinen Brennstoff verzichten - nicht auf die regenerativen Energien und nicht auf die Kernenergie.

Vattenfall erzeugt in Deutschland rund zehn Prozent seines Stroms aus Kernenergie. Wollen Sie die Laufzeit Ihrer Atomkraftwerke wie andere Versorger ebenfalls verlängern?

Rauscher: Ja, wir haben einen gesetzeskonformen Antrag gestellt, um Strommengen aus Mülheim-Kärlich auf unser Kernkraftwerk in Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) zu übertragen, das ansonsten Mitte 2009 vom Netz müsste.

Glauben Sie, dass Sie den Konsens in der Bevölkerung für Atomkraft je wieder herstellen können?

Rauscher: Hier ist, wie man an Umfragen sieht, ein Umdenkungsprozess im Gange.

Ihr Unternehmen ist einer der größten Betreiber von Braunkohle-Kraftwerken. Braunkohle kann zwar im Gegensatz zu Steinkohle in Deutschland subventionsfrei abgebaut werden, bei der Stromgewinnung wird aber enorm viel CO2 freigesetzt. Müssen Sie diese Werke aus Klimaschutz-Gründen bald abschalten?

Rauscher: Wir emittieren bereits 50 Millionen Tonnen weniger CO2 als 1990. Die Hälfte davon geht auf den Bau neuer Braunkohle-Kraftwerke und die Ertüchtigung bestehender zurück. Die Zukunft der Braunkohle liegt im CO2­freien Kraftwerk. Wir werden die weltweit erste Pilotanlage im nächsten Jahr in Betrieb nehmen und für die Lagerung von CO2 einen Weg finden.

Abgesehen davon, dass nach diesem Weg viele bislang vergeblich suchen: Das hört sich nach großen Investitionen an...

Rauscher: Richtig, aber das ist aus Klimaschutzgründen notwendig. Und auch um die langfristige Verstromung des Energieträgers Braunkohle sicherzustellen.

Wie sieht es mit regenerativen Energieträgern aus?

Rauscher: Wir sind Teil der Vattenfall-Gruppe, die ihre Energie fast komplett CO2-frei produziert. Zudem plant Vattenfall Europe gerade einen Offshore-Windpark. Hier können wir später 800 Megawatt installieren. Das entspricht der Leistung eines Kernkraftwerks.

Die EU-Kommission würde die großen Energie-Konzerne am liebsten zerschlagen. Eine Studie der Deutschen Bank kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Wie finden Sie das?

Rauscher: Die EU-Kommission will die Netze zwangsverkaufen, also enteignen. Wir kommen allerdings unserer gesetzlichen Verpflichtung nach und lassen Dritte diskriminierungsfrei in unser Netz. Und wir haben eine Regulierungsbehörde. Unser System funktioniert. Da muss niemand enteignen.

Konkurrent Eon bietet Strom über seine neue Marke "E-wie-einfach" mittlerweile bundesweit an. Haben Sie ähnliche Pläne?

Rauscher: Die ersten Gehversuche im bundesweiten Wettbewerb haben alle Anbieter relativ teuer bezahlt. Vattenfall Europe wird bald mit einem neuen, Internet-basierten Modell den Haushaltskunden Strom anbieten.

Zusammengefasst von Martin Prem

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