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Verpacken im Akkord: Mitarbeiter im Amazon-Logistikzentrum in Pforzheim sorgen dafür, dass die Paketflut nie abreist. Kurz vor Weihnachten stellte Amazon einen Rekord auf: 2,8 Millionen deutsche Bestellungen an nur einem Tag.

Amazon, Zalando und Co

Online-Shopping: Die Folgen der Paketflut

Berlin/München – Von Amazon bis Zalando: Die Deutschen kaufen immer mehr online. Grund zur Sorge für den klassischen Einzelhandel, eine Herausforderung für die Logistik und schlecht für die Umwelt. Es gibt Verbesserungsbedarf.

Wer hat es nicht schon erlebt: Ein freier Tag zu Hause und ständig klingelt’s: ein Paket für die Nachbarn, wenig später das nächste, dann noch eins und so weiter. Der Versandhandel boomt, die bunte Einkaufswelt im Internet führt immer mehr Paketwagen durch Innenstädte und Wohngebiete. Auspacken, ausprobieren, zurückschicken – und alles möglichst ohne Zeitverlust. Ökonomisch und ökologisch ist das stark verbesserungswürdig, kritisieren Experten. Handel und Logistik müssten noch kräftig an sich arbeiten. Zudem ächzt der klassische Einzelhandel unter dem digitalen Kaufrausch.

Der Online-Handel in Deutschland hat im vergangenen Jahr einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht. Der Umsatz stieg um 27 Prozent auf 27,6 Milliarden Euro. „Der Online-Handel knabbert sich immer mehr vom Kuchen ab“, sagt Bernd Ohlmann, Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern (HBE). Betroffen seien alle Branchen bis auf den Lebensmittel-Einzelhandel. Für 2013 erwartet Ohlmann, dass der Internet-Handel erneut um zehn Prozent zulegt. „Davon kann der klassische Einzelhandel nur träumen.“ Die klassischen Einzelhändler versuchen sich deshalb an die Entwicklung anzupassen. 80 Prozent der rund 60 000 Einzelhandelsunternehmen in Bayern präsentieren sich mittlerweile im Internet. Rund zwei Drittel bieten ihre Waren auch online an.

Digitale Ungeduld

Das Resultat des boomenden Online-Handels sieht, wer in einer deutschen Großstadt länger als fünf Minuten auf den Bus wartet: Ein Paketdienst nach dem anderen rauscht durch die Straßen. „Es sind zwei Effekte, die sich gegenseitig überholen“, sagt Michael ten Hompel. Er leitet das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund. Kunden wollten nach dem Kauf per Klick möglichst schnell ihr Paket auspacken – zugleich packten sie von Büchern über Pullover bis Lebensmittel sehr unterschiedliche Produkte in den Warenkorb. „Es bleibt keine Zeit, diese Warenströme zusammenzuführen.“ Ergebnis der „Sofortness“, wie Fachleute die digitale Ungeduld nennen: „Der Laderaum von Lastwagen ist im zweistelligen Prozentbereich leer“, sagt ten Hompel. „Wir haben mehr kleinteilige Transporte, die letztlich umwelttechnisch kritisch sind.“

Die Autobranche profitiert davon. Für Daimlers Lieferwagensparte Mercedes Benz Vans etwa ist die kleinteilige „City-Logistik“ eine „Riesenchance“. In Europa liege das Marktvolumen bei 700 000 Fahrzeugen. Allein Europas größter Autobauer VW verkaufte im vergangenen Jahr mehr als 200 000 seiner Lieferwagen T5 und Crafter. Die Nutzfahrzeugsparte verbuchte abermals einen Rekord.

Schlechte Ökobilanz

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) sieht die Entwicklung mit Sorge – wegen der Ökobilanz. Denn nur weil mehr per Paket komme, ließen die Kunden ihr Auto nicht in der Garage. „Ich glaube nicht, dass die privaten Fahrten weniger geworden sind“, meint Heidi Tischmann, Güterverkehrsspezialistin des Vereins, der sich den ökologischen Transport auf die Fahne geschrieben hat. „Bevor die Leute im Netz bestellen, fahren sie doch ins Geschäft und probieren aus.“

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) empfiehlt Verbrauchern, Einkäufe im Internet wenn möglich zu bündeln, um Materialverbrauch und Schadstoffausstoß für Verpackung und Lieferung zu reduzieren. Grundsätzlich rät der BUND: „Kaufen Sie nichts online, was Sie auch in Ihrer Nähe bekommen.“

Logistikprofessor ten Hompel verweist auch auf die Retouren. Die Hälfte der online bestellten Kleidung ließen die Kunden wieder zurückgehen – wofür wieder Motoren anspringen. Hinzu kommt, dass Paketzusteller viele Empfänger erst beim zweiten Versuch antreffen – oder gar nicht, so dass die Kunden ihr Paket von der Post holen.

Selbstabholung

Deutlich aufbessern können Verbraucher die Ökobilanz der Lieferkette durch Eigenleistung: Paketdienste bieten oft die Möglichkeit der Selbstabholung. Bei DHL können Kunden ihre Pakete an einer Packstation abholen. Informationen zur Anmeldung und dem Standort der nächstgelegenen Packstationen gibt es im Internet unter www.dhl.de. Anbieter wie Hermes oder GLS bieten Kunden die Möglichkeit, Pakete an einen Paket-Shop liefern zu lassen.

Neue Verteilzentren

Das Fraunhofer-Institut empfiehlt Unternehmen, kleinere stadtnahe Verteilzentren einzurichten und dort gemeinsam Pakete zu packen – ein Beispiel: „Sie haben bei Amazon ein Schnitzel und ein Buch bestellt. In dem Verteilzentrum würden das Fleisch vom lokalen Metzger und das Buch aus dem großen überregionalen Verteilzentrum zusammengeführt.“

Onlinekaufhäuser und Versender überlegen nun, wie sie die Abläufe verbessern können. Die Otto-Versandtochter Hermes meldet nach einer Spezialistenanalyse stolz: pro Karton 1,5 Liter Luft eingespart. Zalando erhofft sich mehr Effizienz und Bündelungspotenziale von einem laufenden Projekt mit der Technischen Universität Berlin. Amazon hat die Möglichkeit eingeführt, Artikel auch für später zu bestellen – was der VCD begrüßt. Denn ein Ende der „Sofortness“ sei nötig, sagt Tischmann. „Wir brauchen auch ein Umdenken der Kunden.“

Burkhard Fraune und Manuela Dollinger

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