Opel steht vor einem Aderlass

- Frankfurt - Opel steht vor dem größten Aderlass in seiner 105-jährigen Unternehmensgeschichte als Autohersteller. Wenn die über Arbeitnehmervertreter bekannt gewordenen Pläne des Managements nach den Verhandlungen tatsächlich umgesetzt werden, könnte bei Opel in den kommenden Jahren fast jeder dritte Job wegfallen. Dass ein solcher Eingriff - wie auch immer er umgesetzt wird - bis an die Substanz einer Firma geht, dürfte allen Beteiligten klar sein. Der amerikanische Mutterkonzern General Motors (GM), größter Autobauer der Welt, hat sich trotzdem dafür entschieden, die Kosten radikal zu senken.

<P>Betriebsrat wirft Management gravierende Fehler vor</P><P>90 Prozent des Stellenabbaus sollen bereits im nächsten Jahr über die Bühne gehen. GM rechnet mit Abfindungszahlungen in unbestimmter Höhe. Dies deutet darauf hin, dass es im großen Umfang zu betriebsbedingten Kündigungen kommen wird.</P><P>Die Ausgangssituation war eindeutig: General Motors schreibt in Europa seit Jahren roten Zahlen, allein bei Opel fiel 2003 ein operativer Verlust von 384 Millionen Euro an. Der Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer hat ausgerechnet, dass GM bisher fast drei Milliarden Dollar in seine europäischen Töchter gepumpt hat: "Ohne diese Finanzspritze hätten Opel und Saab wohl nicht überlebt." Die Überkapazitäten in den GM-Werken würden bei 300 000 Fahrzeugen jährlich liegen. Zwei Drittel von dieser Summe will GM-Europa-Chef Frederick ("Fritz") Henderson über die Streichung von insgesamt 12 000 Stellen in den kommenden beiden Jahren beseitigen. 10 000 sollen es in Deutschland sein, davon allein im Opel-Werk Bochum 4000. Insgesamt will der Konzern bis zum Jahr 2006 um 500 Millionen Euro jährlich senken. Opel sei auf dem europäischen Markt derzeit nicht wettbewerbsfähig, meinte Opel-Aufsichtsratschef Carl-Peter Forster. "Unser Hauptproblem ist ein riesiger Preisdruck."</P><P>Dem Betriebsrat von Opel unter der Leitung des besonnenen Rüsselsheimers Klaus Franz muss die Entscheidung wie ein böser Traum vorgekommen sein. Erst vor wenigen Jahren hatte Franz in zähen, aber erfolgreichen Verhandlungen mit dem Management das Sanierungsprogramm "Olympia" ausgetüftelt. Die Qualitätsprobleme der 1990er-Jahre hat das Unternehmen inzwischen fast überwunden, neue Modelle wie der Astra kommen bei Kritikern und Kunden gut an. Allein der prognostizierte Nachfrageschub auf dem Automarkt, mit dem die Umsätze in die Höhe schnellen sollten, ließ bis heute auf sich warten. Gestern warf Franz wie auch IG-Metall-Vize Berthold Huber der Unternehmensführung schwere Managementfehler vor. Beide kündigten für kommenden Dienstag einen europaweiten Aktionstag an.</P><P>Die General-Motors-Manager reisten gestern aus ihrer Zentrale in Zürich nach Rüsselsheim, um im Adam-Opel-Haus Journalisten aus aller Welt nacheinander Audienz zu gewähren. Henderson ließ keine Zweifel aufkommen, dass die Radikalkur notwendig sei, auch wenn er sich nicht ganz wohl fühlte in seiner Haut. </P><P>Es war das Wort Flint, das am Nachmittag bei Opel-Beschäftigten und IG-Metall-Funktionären die Runde machte. Die Kleinstadt im amerikanischen Bundesstaat Michigan war eine blühende Hochburg von General Motors, ehe der frühere Unternehmenschef Roger Smith in den 1980er-Jahren Tausende von Jobs strich und ins billigere Ausland verlagerte - um die Kosten zu senken. In Flint brach die soziale Infrastruktur völlig zusammen, ehemalige GM-Mitarbeiter rutschten in Armut und Kriminalität ab. Der Ort wurde berüchtigt für die höchste Mordrate in den USA.</P>

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