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Pakistani halten bei einer Demonstration die Flagge ihres Landes hoch

Angst vor Bitte um Hilfszahlungen

Pakistan steht kurz vorm Staatsbankrott

Islamabad - Pakistan steht nach Einschätzung von Experten kurz vor dem Staatsbankrott. Aber das strategisch wichtige Land mit Grenzen zu Indien, Iran, Afghanistan und China schreckt vor einem Hilferuf zurück.

Angesichts seiner schwindenden Devisenvorräte könnte Pakistan bald Hilfe beim Internationalen Währungsfonds (IWF) beantragen, um seine notorischen finanziellen Probleme in den Griff zu kriegen. Das Land, in dem mehr als zwei Mal so viele Menschen leben wie in Deutschland, hat zwar Atomwaffen, aber die Wirtschaft krankt nach wie vor.

Das Devisenvermögen Pakistans hat sich in den vergangenen zwei Jahren von umgerechnet 10,8 Milliarden Euro auf 4,9 Milliarden Euro halbiert. Das reicht gerade einmal, um die Importe von anderthalb Monaten bezahlen zu können. Volkswirtschaftler beim IWF halten eine Deckungsfähigkeit der Importe von drei Monaten für ein vertretbares Minimum.

"Wenn wir noch sechs Monate überleben, brauchen wir kein IWF-Geld"

Damit scheint eine Talsohle in Sichtweite zu sein. Gut drei Wochen nach der Parlamentswahl sieht sich der designierte Ministerpräsident Nawaz Sharif mit gigantischen Finanzproblemen konfrontiert. Aber trotz der ernüchternden Zahlen schreckt Sharif vor dem Antrag auf IWF-Geld zurück. Die Bedingungen, die an die Auszahlung von Finanzhilfen geknüpft wären, sind zu unpopulär: Steuererhöhungen und steigende Energiekosten würden die Unzufriedenheit im Land schüren. Auch wenn es absehbar ist, dass das Land in sechs, spätestens neun Monaten pleite geht, will Sharif den Gang zum IWF so lange wie möglich herauszögern.

„Wenn wir es über das kommende halbe Jahr schaffen, müssen wir kein IWF-Geld beantragen“, sagt Sartaj Aziz, der die künftige pakistanische Regierung wirtschaftlich beraten soll. Andere Geldquellen sind nach seinen Worten willkommener: So soll Saudi-Arabien Geld angeboten haben und daran weniger Forderungen geknüpft haben, als die, die vom IWF erwartet werden.

Experten raten Pakistan dringend, vier Milliarden Euro Hilfe zu beantragen

Die Wirtschaft des Landes wieder in Schwung zu bringen, ist allerdings eine gewaltige Herausforderung. Regelmäßige Stromausfälle behindern den Fortschritt ebenso wie der anhaltende Konflikt mit den aufständischen Taliban. Es gibt Fachleute, die der künftigen pakistanischen Regierung dringend raten, unverzüglich wenigstens vier Milliarden Euro Hilfe beim IWF zu beantragen, um eine Vertrauenskrise zu verhindern. Sie zeichnen bereits das Bild vom panischen Bankkunden, der versucht, sein Erspartes in US-Dollar umzutauschen oder vom Crash der größten pakistanischen Börse in Karachi.

In der Tat gibt es Berichte von Banken in der Hauptstadt Islamabad, die ihren Kunden weiszumachen versuchten, dass es derzeit keine US-Dollars gebe, und wenn, dann nur auf besonderen Antrag. In den beiden größten Städten, Lahore und Karachi, gibt es noch keinen Mangel an Dollars, aber das sei nur eine Frage der Zeit, schätzt Ashfaque Hasan Khan, Volkswirtschafter an der Technischen Universität von Islamabad.

"Wir brauchen mehr Investitionen und Wachstum"

„Es liegt in der Luft, dass Pakistan den Gang zum IWF antritt“, sagt Khan, „die Frage ist nur wann“. Er schätzt die Devisenreserven seines Landes sogar auf nur rund drei Milliarden Euro. Sein Argument: Pakistan habe bei Banken kürzlich einen Kredit von etwa 1,8 Milliarden Euro aufgenommen, um die Abwertung der pakistanischen Rupie zu verhindern - diese Summe müsse man von den Devisenreserven abziehen, wenn man mit spitzem Bleistift rechne.

Aziz, der Berater der künftigen Regierung, warnt dagegen vor einem vorschnellen Antrag beim IWF. Die zu erwartenden Bedingungen seien zu hart. „Wir hätten nicht nur Schwierigkeiten, sie zu erfüllen, sie könnten auch unseren Plan zur Konsolidierung durchkreuzen“, sagt Aziz. „Was wir brauchen, sind mehr Investitionen und Wachstum.“

Pakistan hat schon acht Mal beim IWF um Hilfe gebeten

In den vergangenen 25 Jahren hat Pakistan achtmal beim IWF um Hilfe gebeten, aber die chronischen wirtschaftlichen Probleme des Landes sind nie bewältigt worden. Zuletzt waren während der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 rund 8,5 Milliarden Euro beim IWF beantragt worden. 2011 wurde das Hilfsprogramm seitens der pakistanischen Regierung zwar abgebrochen, weil sie sich außerstande sah, die damit verknüpften Reformen im Finanzsystem durchzuführen, aber Pakistan schuldet dem IWF noch immer knapp 3,8 Milliarden Euro aus diesem Programm.

Deswegen wird die neue Regierung den IWF davon überzeugen müssen, dass diesmal alles anders ist und sie in der Lage sein wird, schnell zu handeln. Der IWF wird schnellgreifende und weitreichende Reformen einfordern, bevor er seine Schatulle öffnet. Vor allem die extrem uneffektiven Finanzämter Pakistans müssten sich einer grundsätzlichen Neuordnung unterziehen. Gerade einmal zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden durch Steuereinnahmen erzielt, das ist weltweit einer der niedrigsten Anteile.

Allerdings gibt es auch Pakistaner, die die Zukunft etwas rosiger sehen. Dazu gehört Khurram Husain, Wirtschaftsjournalist bei Pakistans größter englischer Tageszeitung. Seiner Meinung ist Pakistan strategisch zu wichtig, um von den USA fallen gelassen zu werden. Khan schreibt: „Jeder weiß, dass die strategischen Interessen der USA zur Auszahlung dieses Geldes führen werden. An einem Fortschritt oder Zeitplan von Reformen sind die Amerikaner nicht wirklich interessiert.“

AP

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