+
Coburg hat jetzt ICE-Anschluss: Doch die Permiere war holprig.

Murks in Germany

Pannen statt Qualität: Diese Projekte kratzen an Deutschlands Image 

  • schließen

Einst war Deutschland berühmt für Qualität, heute häufen sich Pannen. Bei der ICE-Neubaustrecke nach Berlin läuft es holprig und mit dem Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 eher schlecht. 

München - Jahrzehntelang stand nichts so sehr für Qualität wie „Made in Germany“. Die ganze Welt kaufte Waren aus Deutschland und bewunderte die Zuverlässigkeit deutscher Ingenieurskunst. Doch das Qualitätsdenkmal Deutschland wankt: Nicht nur die Manipulationen des Diesel-Skandals verunsichern die Kunden im In- und Ausland, die Pannen bei Superprojekten wie der ICE-Neubaustrecke nach Berlin, beim neuen Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 kratzen an Deutschlands Image. Und auch beim Ausbau von DSL- und Handynetz sind wir im Hintertreffen: 

ICE Tänzerinnen im Schnee ohne Anschluss

Die Tanztruppe wollte mit dem ersten ICE nach Berlin fahren und musste warten.

Ein erwartungsvoller Bürgermeister, frierende Samba-Tänzerinnen: Die Coburger hatten jahrzehntelang am Eisernen Vorhang gelebt und freuten sich auf den ersten ICE nach Berlin. Doch es dauerte Stunden, bis der ersehnte Zug endlich im Schneegestöber einfuhr. Der Grund: Als der aus München kommende Zug in Nürnberg war, stellte sich heraus, dass es sich um das alte ICE-Modell handelte, welches die Steigung zwischen Coburg und ICE-Neubaustrecke nicht bewältigen würde. So wurde er über Fulda statt Coburg nach Erfurt geleitet – zwei Stunden Verspätung für die Fahrgäste. Dafür schickte die Bahn dann den nächsten ICE, der eigentlich gar nicht in Coburg halten sollte, in den Bahnhof. Das war nicht die erste Panne: Schon am Freitag musste ein Sonderzug mit Ehrengästen mehrfach unplanmäßig halten: zwei Stunden Verspätung. Ein ICE aus Berlin erreichte Erlangen am Sonntag mit zweieinhalb Stunden Verspätung: Eine Weiche in Halle war eingefroren. Dann gab es bei Ingolstadt eine Streckensperrung wegen eines Personenunfalles. Und gestern Vormittag fiel um 7.38 Uhr ein Zug gleich ganz aus.

„Es ist die größte Fahrplanumstellung aller Zeiten“, entschuldigt ein Bahnsprecher die Startprobleme. Außerdem sei auf der Neubaustrecke erstmals eine moderne digitale Zugsicherung im Einsatz. „Und es waren einfach zu viele Menschen auf den Gleisen und die Züge proppenvoll. Das bremst den Betrieb.“

DSL -  Lahm am Land

Eigentlich hatte die Bundesregierung das Ziel ausgegeben, dass bis kommendes Jahr beim DSL flächendeckend Internetanschlüsse mit Bandbreiten von mindestens 50 Mbit/s angeboten werden. Doch davon ist Deutschland noch weit entfernt. Im Frühjahr stand dieses DSL-Tempo nur 75,5 Prozent der Haushalte zur Verfügung. Dabei gibt es auch noch große regionale Unterschiede. Stadtstaaten wie Hamburg, Bremen und Berlin sind gut mit Highspeed-Internet versorgt.

Manche Regionen wie Ostbayern, Südthüringen, Ostsachsen liegen unter 50 Prozent

, wie tz.de* berichtet. Im Großraum München und Rosenheim sind es zwischen 75 und 95 Prozent.

BER - Flughafen ohne Jets

Im September 2006 war der erste Spatenstich für den neuen Berliner Flughafen BER, 2012 sollte er eröffnet werden. Der Termin platzte aufgrund baulicher Mängel und wird seitdem immer wieder verschoben. Jetzt heißt es, BER werde Ende 2020/Anfang 2021 eröffnet. Jeder Monat, den der Airport nicht in Betrieb gehen kann, kostet zwischen zehn und 13 Millionen Euro. Toni Hofreiter, Grünen-Fraktionsvorsitzender Bundestag, schlug gestern eine Teileröffnung für Billigflieger vor.

Flughafen Berlin Brandenburg BER.

Handy - Mobilnetz schlechter als in Afghanistan

Glaubt man dem Netzverfügbarkeitsindex des Weltwirtschaftsforums, liegt Deutschland bei der Verfügbarkeit des Mobilfunknetzes auf Platz 15. Platz 1 belegt der Stadtstaat Singapur. Auch große Länder wie Finnland, Schweden und Norwegen, die USA oder Japan liegen vor Deutschland. Zwar deckt das Mobilnetz 99 Prozent der Bundesrepublik ab, es bleiben aber Lücken – und auf dem Land ist es auch noch oft sehr langsam. Bei einem Vergleich der Firma Open Signal war sogar das afghanische Netz besser.

Funklöcher.

Stuttgart 21 - Bahnhofsumbau braucht länger

Kein Bauprojekt in Deutschland war so umstritten wie Stuttgart21: der Umbau des Hauptbahnhofes der Schwabenmetropole mit neuen Tunnels für die S-Bahn, einem Anschluss an den Flughafen und einer ICE-Neubaustrecke nach Ulm. Ende November wurde bekannt: DieDeutsche Bahn erwartet eine Kostensteigerung von zuletzt 6,5 Milliarden Euro auf 7,6 Milliarden Euro. Außerdem soll sich die geplante Fertigstellung 2023 um ein Jahr verzögern. Grund: Gestiegene Baukosten, Verzögerungen in den Planungsverfahren und strenge Regeln beim Artenschutz.

Stuttgart 21.

*

tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Türkische Notenbank umgeht Erdogans Zins-Veto
Auch wenn sich die Lage etwas entspannt: Die Türkei kämpft mit einer handfesten Währungskrise, und die hohe Inflation belastet Verbraucher und Wirtschaft. Der Präsident …
Türkische Notenbank umgeht Erdogans Zins-Veto
Musk zeigt sein Innenleben: Gesundheit "nicht gerade toll"
Kaum ein Firmenchef im Silicon Valley steht so unter Druck wie Tesla-Chef Elon Musk. Er selbst nennt seinen Gesundheitszustand "nicht gerade toll". In einem Interview …
Musk zeigt sein Innenleben: Gesundheit "nicht gerade toll"
Urteil: Software-Updates im Diesel-Abgasskandal sind Pflicht
Münster (dpa) - Halter von Dieselfahrzeugen mit manipulierter Motorsteuerung müssen nach einer Gerichtsentscheidung die vom Kraftfahrt-Bundesamt vorgeschriebenen …
Urteil: Software-Updates im Diesel-Abgasskandal sind Pflicht
Abgas-Skandal: VW feuert möglicherweise mehrere Mitarbeiter
Immer wieder "Dieselgate": Die Abgas-Affäre bei Volkswagen könnte jetzt mehrere Beschuldigte den Job kosten. Gleichzeitig verkauft der Konzern immer mehr Autos. Aber wie …
Abgas-Skandal: VW feuert möglicherweise mehrere Mitarbeiter

Kommentare