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Mit Hauskrediten fing es an: In den USA begann die weltweite Krise.

Wie die Finanzkrise entstanden ist

Die Papiere, die keiner verstand

München – Wie talwärts rollende Kiesel einen Erdrutsch auslösen, haben scheinbar harmlose Bankgeschäfte die weltweite Finanzkrise verursacht. Dies ist die Geschichte der Wertpapiere, die keiner verstand.

Die Finanzkrise wird die Welt fast drei Billionen Dollar kosten und 20 Millionen Arbeitsplätze vernichten, erwarten die britische Notenbank und die Vereinten Nationen. Es sind die Folgen von Verwerfungen, deren Gefahrenpotenzial keine Aufsichtsbehörde, keine Regierung und keine Zentralbank erfasst hatte. An ihrem Anfang standen simple Kredite für amerikanische Hausbesitzer. Diese wurden in jene Finanzanlagen gesteckt, die als strukturierte Wertpapiere oder forderungsbesicherte Anleihen bezeichnet werden und die sich zum Sprengstoff für das Finanzsystem entwickelten.

Eine Bank sammelt Geld bei Sparern ein und verteilt Geld an Kreditnehmer. Das ist ihr Geschäft. Und es ist begrenzt durch die Höhe des Kapitals, über das sie verfügt – eigentlich. Tatsächlich haben die Institute diese Grenze mit einem Trick verschoben.

Gibt eine Bank einen Kredit aus, entsteht eine Forderung: Der Kunde muss den geliehenen Betrag zurückbezahlen und Zinsen aufbringen. Die Banken gründeten Zweckgesellschaften („Special Purpose Vehicles“), an die sie solche Forderungen übertrugen. Damit hatten sie Spielraum, um weitere Kredite auszugeben. Die Zweckgesellschaften wiederum verkauften Wertpapiere – in der Regel Anleihen – an Anleger, die dafür Zinsen erhielten.

Wer diese Wertpapiere kaufte – und das taten Banken aus aller Welt –, investierte also in US-Immobilienkredite. Im Fachjargon nennt man das „Mortgage-Backed Securities“ (Hypotheken-besicherte Wertpapiere). Und es gab immer komplexere Strukturen: Teils wurden Kredite in eine Zweckgesellschaft überführt, deren Wertpapiere zusammen mit anderen in eine weitere Zweckgesellschaft eingebracht wurden, und erst deren Wertpapiere landeten bei Käufern. Was daran niemand verstand, war, welches Risiko man mit dem Kauf der Papiere einging. Man wusste nämlich nicht, was genau darin steckte.

Ob ein Kunde einen Kredit erhält und wie viel Zinsen er dafür bezahlen muss, hängt davon ab, wie seine Zahlungsfähigkeit eingeschätzt wird. Üblicherweise wird das Ausfallrisiko eines Kreditnehmers in einem Bewertungsprozess („Rating“) analysiert. Das ist das Geschäft von Ratingagenturen. Doch die vielen Schuldner der Hypothekenkredite in einer Zweckgesellschaft konnte oder wollte man nicht nach ihrem individuellen Ausfallrisiko analysieren. Also erlaubte man sich einen Kunstgriff.

Man teilte die Wertpapiere der Zweckgesellschaft auf und legte eine Rangfolge bei ihrer Bedienung fest. So erhielten zum Beispiel 70 Prozent der Papiere den Status AAA, was einem minimalen Ausfallrisiko entspricht, und es wurde versprochen: Diese 70 Prozent der Papiere haben höchste Priorität bei der Rückzahlung des Geldes. Selbst wenn 30 Prozent der Zahlungen ausfallen, werden diese 70 Prozent noch bedient. Aus manchem überschuldeten Arbeitslosen in den USA wurde so pro forma ein Top-Schuldner vom Range der Bundesrepublik Deutschland. Weil man aber wusste, dass das Etikettenschwindel ist, gab es höhere Zinsen als für Staatsanleihen, die sonst eine AAA-Note erhalten. So bekam man Papiere, die künstlich einer bestimmten Rating-Kategorie zugeordnet waren, mit besseren Zinsen als in dieser Kategorie üblich.

Die Ratingagenturen machten dieses fragwürdige Spiel mit und verdienten gut daran. Überhaupt lief das Geschäft jahrelang für alle prima: In den USA konnte sich dank des großen Kreditangebots jeder ein Haus kaufen, auch wenn er es sich eigentlich nicht leisten konnte. Die Banken, die die Kredite vergaben, mussten sich nicht um die Zahlungsfähigkeit ihrer Schuldner sorgen, weil sie diese an die Zweckgesellschaften loswurden. Und sie konnten mehr Kredite vergeben, als sie es sich eigentlich mit ihrem Eigenkapital leisten konnten. Jene Banken wiederum, die die Papiere der Zweckgesellschaften kauften, verdienten damit höhere Zinsen als sonst üblich.

Die Verbriefung – wie das Verpacken von Krediten in Wertpapiere heißt – muss nichts Schlechtes sein. In Deutschland ist sie in Form des Pfandbriefs ein uraltes Modell. Pfandbriefe gelten nach wie vor als solide. Denn sie sind streng geregelt. Die Probleme mit der Verbriefung entstanden in den USA, wo Banken bei der Kreditvergabe lasch vorgingen.

Wer ein Haus mit einem Wert von einer Million Euro besitzt, bekommt hierzulande vielleicht einen Kredit in Höhe von 600 000 Euro – also 60 Prozent des Wertes. Denn das Haus stellt im Wesentlichen die Sicherheit dar, falls der Kreditnehmer nicht mehr zahlen kann. Es nicht komplett zu beleihen, gewährt einen Spielraum, falls der Wert des Hauses absackt. In den USA verzichtete man auf diese Sorgfalt. Häuser wurden teils zu 100 Prozent beliehen und teils sogar mit mehr als hundert Prozent. Wer ein Haus mit einem Wert von einer Million hatte, erhielt womöglich 1,2 Millionen Kredit, weil man davon ausging, dass die Immobilienpreise mit der Zeit steigen und so die Sicherheit in den übergroßen Kredit hineinwächst.

Ein weiterer Unterschied zur Situation in Deutschland ist, dass die Kreditzinsen in den USA nicht für die gesamte Laufzeit festgelegt sind, sondern sich mit dem Markt ändern können. Als die Zinsen stiegen, konnten viele Hausbesitzer die höheren Zinsen für ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen. Gleichzeitig brach der Preisanstieg am Immobilienmarkt ab. Und die Sicherheiten, mit denen Häuser-Kredite hinterlegt waren, reichten nicht aus, um den Ausfall zu ersetzen. Also blieben Zahlungen der Kreditkunden an die Zweckgesellschaften aus und entsprechend versiegte der Geldstrom an Besitzer der Wertpapiere. Immer mehr Beteiligte beschlich die Angst, dass das jahrelang lukrative System kippen könnte. Also versuchten sie auszusteigen und die Papiere zu verkaufen. Doch dazu war es zu spät. Kaum einer wollte die Papiere noch haben – und wenn, dann nur zu minimalen Preisen.

Die Folge: Banken, die solche Papiere besitzen, müssen seither deren Wert in ihren Bilanzen nach unten berichtigen. Doch weiß niemand genau, welcher Wert realistisch ist. Denn wie viele Zahlungen ausfallen, weiß man erst, wenn die Kredite entweder komplett zurückbezahlt sind – was teils noch mehr als zehn Jahre dauert – oder wenn sie geplatzt sind.

Das Tückische an dem System ist, dass es nicht auf Hypothekendarlehen beschränkt war. Auch Forderungen aus Kreditkarten, Bankenkrediten, Unternehmenskrediten wurden verbrieft. Der Rockmusiker David Bowie verbriefte Konzerteinnahmen einer bevorstehenden Tour und der Fußball-Bundesligist Schalke 04 künftige Zuschauereinnahmen. So könnten bald noch andere, ähnliche Papiere unter Ausfällen leiden. Allerdings könnte sich am Ende auch alles als halb so schlimm erweisen. Nämlich dann, wenn sich zeigen würde, dass nicht so viele Kredite ausfallen wie teils befürchtet und die Papiere wieder einen höheren Wert bekommen. Dann wären Milliardengewinne bei den Banken die Folge.

von Dominik Müller

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