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Der Übernahmepoker um den französischen Industriekonzern Alstom ist in vollem Gange.

Zeitungsbericht

Paris drängt auf Siemens-Angebot für Alstom

Berlin - Im Alstom-Poker gibt Paris Siemens den Vorzug vor GE - und drängt den deutschen Elektrokonzern zu einer Offerte für den französischen Konkurrenten.

Im Gerangel um den französischen Alstom-Konzern bekommt Siemens weitere Schützenhilfe aus Paris. Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg lehnt das Angebot des amerikanischen Siemens-Rivalen General Electric (GE) für Alstom klar ab. „Die GE-Offerte ist kein Angebot einer Allianz, sondern einer Übernahme - ein Angebot, das zur dauerhaften Schwächung der verbleibenden Alstom-Transportsparte führen würde“, sagte der Minister der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Donnerstag).

Der deutsche Elektrokonzern und GE liefern sich derzeit ein Übernahmegefecht um den französischen Hersteller von Kraftwerkstechnik und Hochgeschwindigkeitszügen. Dessen Verwaltungsrat hatte den Alstom-Aktionären eine bindende Offerte von GE, die allerdings nur auf die Energiesparte bezogen war, empfohlen und das Angebot der Amerikaner damit vorgezogen. Entschieden ist das Rennen aber noch nicht.

Joe Kaeser "ernsthaft" interessiert

Siemens will die Bücher von Alstom prüfen, bevor ein Angebot vorgelegt wird. Konzernchef Joe Kaeser hatte aber am Vortag bereits „ernsthaftes“ Interesse an Alstom geäußert. Sonst hätte der Vorstand seine Zeit nicht für den Einstieg in das mögliche Wettbieten mit dem US-Rivalen GE investiert, erklärte Kaeser bei der Vorstellung der neuen Konzernstrategie in Berlin.

Montebourg jedenfalls rechnet damit, dass Siemens eine Offerte vorlegen wird. Der deutsche Konzern „hat ein Angebot ja schon erstellt, das aber noch durch die Ergebnisse der Detailprüfung während dieses Monats vervollständigt werden muss. Ich habe es gelesen, nicht ganz, aber teilweise“, sagte der Minister der Zeitung. „Mehr kann ich nicht sagen, denn das Angebot ist für den Aufsichtsrat bestimmt.“

Mitten in dem Übernahmepoker hat Kaeser bei Siemens auch den größten Konzernumbau seit Jahren eingeläutet. Die Sektoren-Struktur wird aufgelöst, die Zahl der Divisionen reduziert und die Medizintechnik verselbstständigt. Damit sollen auch die Kosten des Elektrokonzerns mit seinen mehr als 360 000 Beschäftigten bis zum Herbst 2016 um eine Milliarde Euro gedrückt werden. Nach dpa-Informationen könnten durch den Umbau zwischen 5000 und 10 000 Arbeitsplätze bedroht sein.

Langwierige Verhandlungen

Die anstehenden Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern über die Neuordnung dürften sich derweil längere Zeit hinziehen. „Es ist völlig offen, wie lange das dauern wird“, hieß es am Donnerstag in Arbeitnehmerkreisen. Auch welche Standorte in welchem Ausmaß betroffen sein werden, müssten die Gespräche erst zeigen. Das liege schon allein an der Komplexität des Themas. Derzeit laufe eine Informationsphase zu dem Umbau, hieß es.

Nach Darstellung von Montebourg sehen alle großen Alstom-Auftraggeber eine Schwächung der Alstom-Transportsparte, wenn GE der Einstieg bei den Franzosen gelänge. Auch die französische Bahn SNCF hätte dies bestätigt. „Siemens dagegen setzt auf eine Allianz im Transport unter französischer Führung und in der Energie unter deutscher Führung. Die Entscheidungszentren blieben in Frankreich“, sagte der Minister. Siemens wollte diese Äußerungen am Donnerstag nicht kommentieren.

Unnötige Sorge um Arbeitsplätze?

Die Furcht vor umfangreichem Arbeitsplatzabbau wegen Doppelstrukturen zwischen Siemens und Alstom hält Montebourg für übertrieben. Er hofft, dass die EU-Kommission künftig den Aufbau „europäischer Champions“ zulässt. Der französische Staat hält nach Angaben Montebourgs 0,9 Prozent an Alstom. Zudem habe der Staat Alstom vor zehn Jahren mit Steuergeldern vor dem Bankrott gerettet, sagte der Minister. Daher habe er ein Mitspracherecht.

Den Vorzug für Siemens begründete er auch mit der Nähe zur deutschen Wirtschaftskultur. „Für uns ist der rheinische Kapitalismus viel interessanter, denn er akzeptiert Mitspracherechte wichtiger Akteure wie des Staates, der Gewerkschaften sowie der Gebietskörperschaften“, sagte der Wirtschaftsminister. „Wenn wir künftig in Connecticut vorsprechen müssen, um unsere Standorte zu erhalten, wäre das ein Problem.“

Derweil hat der japanische Industriekonzern Toshiba nach einem Bericht der Nachrichtenagentur jiji-press dementiert, ein Interesse am Stromnetz-Geschäft von Alstom zu haben, falls GE den Zuschlag für Alstoms Energiesparte bekommen sollte. Dies entspreche nicht den Tatsachen, hieß es von Toshiba laut jiji. Die japanische Finanzzeitung „Nikkei“ (Donnerstag) hatte zuvor von einem solchen Interesse berichtet.

dpa

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