Parlamentarier nehmen Bahnchef Mehdorn an die Kandare

- Berlin - Mit der Aufforderung aus der SPD im Rücken, sich bei den Parlamentariern "mit einem sehr tiefen Kotau" zu entschuldigen, ging Bahnchef Hartmut Mehdorn in den Verkehrsausschuss des Bundestages. Von Rücktritt war nicht mehr die Rede. Aber würde sich der selbstbewusste Mehdorn wegen seines Briefes an Industriepräsident Michael Rogowski entschuldigen? In dem Schreiben hatte er sich über die "Bösartigkeit" und "Miesmacherei" der drei verkehrspolitischen Sprecher Albert Schmidt (Grüne), Dirk Fischer (CDU) und Horst Friedrich (FDP) beschwert und sie als "so genannte Verkehrsexperten" bezeichnet. Und wie könnte das Vertrauen zwischen Vorstand und Parlament wiederhergestellt werden, das die so Angegriffenen als "nachhaltig zerstört" eingestuft hatten? "Man kann doch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", meinte einer.

Ging man auch nicht. Es war Tacheles geredet worden - "teils verbissen, teils um Haltung bemüht", versicherte eine Teilnehmerin. Und als nach knapp zweistündiger Aussprache die Tür aufging, wurde klar: Mehdorn hatte die Rollenverteilung für den inzwischen aufgeschobenen Börsengang, den er in Überschätzung der Fortschritte bei der Sanierung des Unternehmens im Sommer 2006 durchziehen wollte, jetzt begriffen: "Das ist keine Entscheidung eines Managements", sondern des Eigentümers Bund. Und damit das wirklich klar ist, donnerte Ausschussvorsitzender Eduard Oswald (CSU): "Es gilt das Primat der Politik."<BR><BR>Der geläuterte Bahnchef räumte ein, dass er im Geben "oft kantig" und im Nehmen "dünnhäutig" ist. Eine richtige Entschuldigung? Die habe es im Ausschuss nicht gegeben, wohl aber die Erklärung, "dass es von mir oder dem DB-Vorstand nicht gewollt ist, Sie zu verprellen, zu missachten oder zu umgehen". Dann aber: "Ich glaube aber auch, dass der politische Raum oft die problematische Aufgabe der DB AG nicht ausreichend akzeptiert hat." Da war er wieder, der kämpferische Mehdorn. Von den neuerlichen Ticket-Verteuerungen will er nicht abrücken, und vielfache Kritik am Service lässt er nicht gelten. Auch waren sich die Abgeordneten nicht so sicher, ob der Bahnchef nicht doch die von ihm hart verfochtene Integration von Bahnbetrieb und Schienennetz gegen andere Positionen des Parlaments durchzusetzen versucht.<BR><BR>Fischer verlangte erneut die Abtrennung der Netz AG zum Börsengang. In der Frage der aktuellen Investitionspolitik räumte Mehdorn am Ende ein, dass es für die 66 vereinbarten Bestandsprojekte - neue Vorhaben wurden weitgehend zurückgestellt - bis auf zwei Ausnahmen eben doch Finanzierungs-Vereinbarungen gibt. Was er zuvor bestritten hatte. Damit könnten die 3,7 Milliarden Euro Bundesmittel eingesetzt werden.<BR><BR>Der ebenso kämpferische Albert Schmidt sagte zu Mehdorn nur noch milde: "Es geht um professionelle Zusammenarbeit und nicht um Freundschaft oder Feindschaft." Selbstschuldnerisch hatte der Bahnchef gerade erst erklärt: "Manchmal ist miteinander reden vielleicht besser, als immer gleich mal zu schreiben." Worauf andere Abgeordnete mutmaßten: "Da ist sicher noch der eine oder andere geharnischte Brief Mehdorns unterwegs."<BR><BR>

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