+
Ein Patient aus dem Ausland ist wie ein Privatpatient - und der Arzt kann mehr abrechnen.

Patienten aus dem Ausland

An Medizintouristen verdienen Ärzte mehr als an Kassenpatienten

München - An Medizintouristen verdienen Ärzte in Bayern nicht schlecht. Viele Kliniken richten Büros für internationale Beziehungen ein, manche Praxen bezahlen sogar Gebühren für Dolmetscher. Ein Münchner Arzt berichtet.

Alexander Landau (Name geändert) ist Arzt in einer internistischen Fachpraxis in München.

Warum reisen Patienten zur Behandlung nach Deutschland? 

Diesen Samstag finden Sie in Ihrem Münchner Merkur einen Schwerpunkt zum Thema Gesundheit mit Texten von Journalistenschülern der DJS. Dieser Artikel ist Teil der Aktion. Mehr Texte können Sie in der gedruckten Ausgabe lesen.

Das deutsche Gesundheitssystem hat international einen exzellenten Ruf. Dagegen haben zum Beispiel viele Russen überhaupt kein Vertrauen in die medizinische Versorgung zu Hause. Dabei ist das gar nicht unbedingt angebracht. Die Diagnosen, die von den Ärzten in ihrer Heimat gestellt werden, stimmen oft.

Sie könnten sich also eigentlich auch in der Heimat behandeln lassen? 

Ja, aber die Patienten können selbst oft nicht unterscheiden, auf welche Kliniken oder Ärzte sie sich verlassen können. Das ist aber auch nur ein Gefühl. Ich bin bei meiner Beurteilung der fremdsprachigen Befunde auch auf den Dolmetscher angewiesen, der vielleicht medizinische Probleme nicht zu 100 Prozent richtig erfasst.

Was für Patienten kommen in Ihre Praxis? 

Bei uns stammen die Patienten, grob gesagt, entweder aus dem arabischen oder dem russisch-osteuropäischen Raum. Darunter sind Leute, die für den reinen Check-Up kommen. Die haben nichts Gravierendes, Bluthochdruck, Übergewicht. Eine andere Gruppe sind die Schwerkranken, die unbedingt irgendeine Form der Behandlung brauchen. Es gibt also die beiden Extreme. Das Mittelfeld der normalen Krankheiten fehlt.

Konsulate vermitteln den Bürgern Termine zur Behandlung

Wie viele Patienten kommen aus dem Ausland zu Ihnen? 

Das sind eher wenige, vielleicht zwei pro Woche.

Wie werden die Menschen auf Sie aufmerksam? 

Für Bürger der Vereinigten Arabischen Emirate etwa vermittelt das Konsulat in München Termine zur Behandlung. Patienten aus dem osteuropäischen Raum dagegen gelangen meist über private Gesundheitsanbieter zu uns. Die kennen das Angebot an Ärzten in München meist sehr genau und wählen eine geeignete Praxis aus.

Wie verständigen Sie sich mit den Patienten? 

In der Regel begleiten die Vermittler die Patienten auch als Dolmetscher. Sie erklären den Patienten die Behandlungsschritte und übersetzen später auch den ärztlichen Befund. Wie die Agenturen auf uns kommen, weiß ich nicht. Vielleicht über unseren Internet-Auftritt, vielleicht durch Flüsterpropaganda. Wir haben den Kontakt nicht gesucht, das passiert umgekehrt.

Wer bezahlt die Gebühren für die Dolmetscher? 

Meistens sind das die Patienten. Es ist aber nicht unüblich, dass auch die Arztpraxis für die Dolmetscherdienste zahlt. Das ist dann oft ein prozentualen Anteil an den Behandlungskosten. Bei uns zum Beispiel sind das 15 Prozent. Man geht davon aus, dass die Behandlung aufwendiger war, je höher die Rechnung war. Daher auch die Beteiligung für die Dolmetscher.

"Patienten werden höchstbietend verschachert"

Ärzte zahlen also für Patienten. Ist das legal? 

Das ist schwierig. Grundsätzlich müssen sich Ärzte an die Gebührenordnung halten. Und die sieht nicht vor, dass Dolmetscher einen Anteil kriegen. Wenn man böswillig wäre, könnte man sagen, dass Patienten hier höchstbietend verschachert werden. Das ist aber bisher noch nie zur Anzeige gekommen und hat deshalb auch kein Gericht verhandelt. Vielleicht ist es also auch vollkommen legal. Letztendlich machen es alle so. Es gibt auch Praxen, die sich gezielt um ausländische Patienten bemühen.

Warum sind die Patienten aus dem Ausland so beliebt? 

Das liegt auch an der Besonderheit des deutschen Gesundheitssystems. Für jeden Kassenpatienten erhält ein Arzt im Quartal eine Pauschale von 65 Euro, egal wie aufwendig die Behandlung ist. Man muss also zusehen, wie man mit diesem Geld haushält. Wir sind eine Praxis in günstiger Lage und mit guter Ausrüstung. Kassenpatienten sind für uns ein reines Hobby. Wir sind auf Privatpatienten angewiesen, um sie querfinanzieren zu können. Denn die werden separat und nicht in Pauschalen abgerechnet.

Und zu diesen zählen auch die Patienten aus dem Ausland? 

Genau. Hinzu kommt bei den Privaten: Wenn ein Eingriff schwieriger ist, kann man mehr in Rechnung stellen. Und wenn jemand die Sprache nicht versteht und wir einen Übersetzer bei der Behandlung brauchen, ist das auch gerechtfertigt. Solche Behandlungen sind natürlich auch schwieriger. Versicherungen akzeptieren das meist ohne weiter nachzufragen.

Nur der medizinische Aspekt zählt

Arbeiten die Vermittlungsagenturen immer seriös? 

Im Fall des Konsulats der Emirate ist das der Fall. Und auch bei den meisten privaten. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass es unseriöse Agenturen gibt. Dann werden Patienten an die Praxen vermittelt, die am meisten zahlen. Mir ist so ein Fall aber noch nicht untergekommen. Wir kennen die Agenturen, mit denen wir zusammenarbeiten, seit Jahren. Es kommt nur zu einer Kooperation, wenn wir auf derselben Wellenlänge liegen.

Wie sieht die Behandlung bei den ausländischen Patienten aus? 

Generell läuft alles so ab wie bei den einheimischen Patienten. Menschen aus dem arabischen Raum fallen vielleicht im Wartezimmer mehr auf, weil sie einen anderen Kleidungsstil haben. Oft kommen sie auch in großen Gruppen in die Praxis, obwohl nur einer krank ist. Für uns spielt das aber keine Rolle, es zählt allein der medizinische Aspekt.

Das Interview führten: Bernhard Hiergeist und Julia Ley

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

ProSiebenSat.1 plant Neubau in Unterföhring
Unterföhring – Der Medienkonzern ProSiebenSat.1 plant den Bau eines eigenen Campus in Unterföhring. Das berichtet der Münchner Merkur (Wochenendausgabe).
ProSiebenSat.1 plant Neubau in Unterföhring
Wenig Zeit für Schlichtung zwischen Piloten und Lufthansa
Frankfurt/Main (dpa) - Die Schlichtung zum Tarifkonflikt zwischen der Lufthansa und ihren Piloten steht unter großem Zeitdruck.
Wenig Zeit für Schlichtung zwischen Piloten und Lufthansa
Ernährungsbranche verspricht mehr Tierschutz im Stall
Unter welchen Bedingungen müssen Rinder, Schweine und Puten leben? Die Ernährungsbranche sieht sich zunehmender Kritik ausgesetzt - und manche Anbieter reagieren. …
Ernährungsbranche verspricht mehr Tierschutz im Stall
Riesen-Demo für mehr Tierschutz - Discounter mit neuem Label
Berlin - An diesem Samstag wollen mindestens 10.000 Menschen gegen Massentierhaltung demonstrieren. Der Preiskampf in der Nahrungsmittelindustrie werde zu Lasten der …
Riesen-Demo für mehr Tierschutz - Discounter mit neuem Label

Kommentare