+
In deutschen Kliniken wird jeder gleich behandelt. Und: Für reiche Russen spielt Geld keine Rolle.

"Ein ehrlicher russischer Arzt schickt seine Patienten in den Westen"

Attraktives Ziel: Zahlungskräftige Russen gehen in Bayern zum Arzt

München - Weniger Korruption und eine bessere Versorgung: Für zahlungskräftige Patienten aus Russland ist Bayern ein attraktives Reiseziel. Der Münchner Merkur hat mit einem Dolmetscher gesprochen, der russische Patienten an deutsche Ärzte vermittelt.

Nikolai Kozirev (Name geändert) hat seinen Job seit 2011.

Was ist so schlecht am russischen Gesundheitssystem?

Diesen Samstag finden Sie in Ihrem Münchner Merkur einen Schwerpunkt zum Thema Gesundheit mit Texten von Journalistenschülern der DJS. Dieser Artikel ist Teil der Aktion. Mehr Texte können Sie in der gedruckten Ausgabe lesen.

Das russische System ist sehr korrupt. Die Menschen vertrauen ihren Ärzten nicht. Man hört viele Geschichten: Dass Ärzte Kernspintomographen anschaffen und sich von der Regierung mehr Geld wiederholen, als die Geräte gekostet haben. Das Ding steht dann in der Ecke rum, weil keiner weiß, wie man es benutzt. Oder eine Praxis kauft sich eins selbst und schickt dann mehr Patienten zum MRT als nötig, um das Geld wieder reinzuholen.

Da würde man Russland sonst ja eigentlich nicht einordnen. 

Es mangelt zum Teil sogar an guten Medikamenten. 70 Prozent der Medikamente sind Fälschungen, manchmal schlicht Placebos. Ein Apotheker kauft dann vielleicht zehn Packungen von Bayer und weitere zehn Packungen aus Polen, weil das billiger ist.

Aber es gibt doch internationale Pharmakonzerne? 

Ein Patient hat mir mal ein Foto von einem Medikament geschickt, das er angeblich aus Deutschland bestellt hatte. Da stand alles auf Russisch: Der Name von dem Medikament, die Adresse von der Firma, einer deutschen GmbH. Ich hab das nachgeschaut, die GmbH existiert nicht in Deutschland.

Behandlung in einer Privatklinik: Der Patient fühlt sich wie im Paradies

In vielen ärmeren Ländern ist das Problem nicht unbedingt, dass es keine gut ausgebildeten Ärzte gibt, sondern dass die in Privatkliniken arbeiten und sich das kaum jemand leisten kann. Wie ist das in Russland? 

Die Behandlung in einer Privatklinik können sich in vielleicht fünf Prozent der Patienten leisten. Da gibt man schon mal 5000 Euro auf einen Schlag aus. Dafür gibt es aber einen Super-Service: Schöne Mädchen, kurze Röcke, strahlendes Lächeln. Der Patient fühlt sich wie im Paradies. Aber die Ärzte sind nicht unbedingt gut.

Deshalb kommen die Patienten zu Ihnen? 

Ja. Meine Frau ist Ärztin und in der Sowjetunion geboren. Früher haben ständig Verwandte und Bekannte von ihr angerufen, damit sie ihnen einen guten Arzt in Deutschland empfiehlt. Irgendwann kamen dann auch Verwandte von Verwandten und Verwandte von Bekannten. Also habe ich angefangen, das professionell zu machen.

Wie viele Patienten kommen pro Monat? 

Etwa zehn bis fünfzehn Kunden. Dabei sind wir aber noch eher klein, es gibt viel größere Unternehmen. Und bedenken Sie: Allein in München gibt es 30 solche Firmen wie unsere.

Was genau beinhaltet ihr Service? 

Wir übersetzen den Erstbefund des Arztes in Russland, dann finden wir einen passenden Arzt, gehen mit und übersetzen, wenn er hier zum Arzt geht. Früher haben wir auch Reisen gebucht und Hotels vermittelt. Aber das machen die Leute jetzt selber im Internet. Oft kommen die Patienten auch mit Begleitung, dann fragt die Frau noch: Wo ist Gucci? Wo ist Chanel? Die lassen zum Teil Tausende Euros in der Münchner Maximilianstraße.

"Ein ehrlicher russischer Arzt schickt seine Patienten in den Westen"

Weiß der russische Arzt, dass er nur Vorarbeit für einen deutschen Arzt leistet? 

Ein ehrlicher russischer Arzt schickt seine Patienten selber in den Westen, weil er weiß, dass er sie nicht ordentlich behandeln kann.

Können Sie abschätzen, wie viele Russen sich im Ausland behandeln lassen? 

In Russland haben überhaupt nur zehn bis 15 Prozent der Leute einen Reisepass. Das heißt, 85 Prozent können überhaupt nicht ausreisen.

Weil sie kein Geld haben, um einen Pass zu beantragen? 

Sie können oder wollen nicht. Es gibt ja auch Propaganda. Jetzt in der Ukraine-Krise ist das noch schlimmer, wir kämpfen ja jetzt gegen den Westen. Das Militärpersonal zum Beispiel darf gar nicht ausreisen. Es gibt da eine Liste von Ländern. Deutschland und die USA sind ganz oben mit dabei.

Hat die Ukraine-Krise auch Ihr Geschäft beeinträchtigt? 

Das würde ich nicht sagen. Meine Kunden sind nicht in so hohen Positionen, dass die Sanktionen sie betreffen. Sie haben Geld, sind unabhängig und kommen trotzdem.

Klinik in Deutschland - jeder wird gleich behandelt

Sie haben also keine Angst, dass sie Schwierigkeiten bekommen könnten? 

Immer. Wir dürfen dem Arzt gegenüber oft keine Namen und Positionen erwähnen. Manche nennen nicht mal uns ihre echten Namen, zumindest, wenn Sie für die Regierung arbeiten. Andere sind Business-Leute. Aber dann arbeitet vielleicht die Frau für die Regierung, oder der Sohn.

Sind ihre Patienten zufrieden mit den deutschen Ärzten? 

Viele sind erst mal verwirrt: In einer russischen Privatklinik hilft der Arzt dem Patient mit einem guten Gespräch, mehr kann er oft nicht tun. Hier spricht der Arzt fünf Minuten mit den Patienten, dann hat er alles gesagt. Aber nach einer Weile wissen die Patienten das zu schätzen. Jeder wird gleich behandelt, eine deutsche Klinik ist wie ein Fließband. Geld spielt dabei keine Rolle.

Scheint, als bestünde Ihre Arbeit viel daraus, solche Missverständnisse auszuräumen.

Einmal habe ich einen russischen Patienten zu einem HNO-Arzt begleitet. Er hatte zwei Bodyguards dabei, das waren nicht gerade Dichter und Denker. Der Patient sagte, er könne nicht schlafen, schnarche, kriege keine Luft. Der Arzt verschrieb zwei Sprays. Da wurde der Mann wütend: "Ich komme extra nach Deutschland und Sie empfehlen ein Spray. Mein Arzt in Russland hat gesagt, ich muss operiert werden." Irgendwann reichte es dem Arzt: "Bei Ihnen ist alles entzündet. Nur ein Idiot greift da zum Skalpell, das Blut kann ich dann gar nicht mehr stoppen. Und jetzt raus!" Der Patient ist bis heute bei ihm in Behandlung.

Das Interview führten: Bernhard Hiergeist und Julia Ley

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Abgas-Skandal: USA lassen weltweit nach früheren VW-Mitarbeitern fahnden
In der VW-Abgas-Affäre lassen die USA weltweit nach früheren Mitarbeitern des Autokonzerns fahnden. Auch Winterkorn-Vertraute sollen darunter sein.
Abgas-Skandal: USA lassen weltweit nach früheren VW-Mitarbeitern fahnden
Steigende Ölpreise hieven Dax ins Plus
Frankfurt/Main (dpa) - Der Dax hat sich am Donnerstag etwas von seinen jüngsten Verlusten erholt. Nachdem die Anleger an den beiden Handelstagen zuvor noch Kasse gemacht …
Steigende Ölpreise hieven Dax ins Plus
Qatar Airways will bei American Airlines einsteigen
Die Fluggesellschaften aus dem arabischen Raum mischen schon seit geraumer Zeit die Branche auf, eine davon ist Qatar Airways.
Qatar Airways will bei American Airlines einsteigen
Bahn kommt bei Stahltransporten nicht hinterher
Berlin (dpa) - Die Deutsche Bahn hat Probleme, der Nachfrage nach Stahltransporten nachzukommen. Einem Bericht der Mainzer "Allgemeinen Zeitung" zufolge verliert die …
Bahn kommt bei Stahltransporten nicht hinterher

Kommentare