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Virtuelle Welten: Industrieanlagen, die noch gar nicht gebaut wurden, können per 3-D-Brille besucht werden. Ingenieurin Nanna Thile ist virtuell gerade in Russland unterwegs.

Digitalisierung bei Linde

Per 3-D-Brille ans andere Ende der Welt

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Beim Gasehersteller Linde ist die Fusion mit Praxair seit Monaten das alles beherrschende Thema. Doch das Tagesgeschäft geht weiter – und mit ihm die Suche nach neuen Geschäftsmodellen.

Pullach – Im Digitalisierungszentrum in Pullach werden virtuelle Industrieanlagen gebaut, Algorithmen warnen vor Unfällen und Datenbrillen helfen bei Reparaturen.

Schnellen Schrittes erklimmt Nanna Thile die Stufen. Am obersten Treppenabsatz macht sie halt. Unter ihr erstreckt sich ein Labyrinth aus Rohren. Eine riesige Industrieanlage, zwei Kilometer lang, 1,2 Kilometer breit. Wald umgibt das Gelände an der russischen Grenze zu China. Ein Fingerzeig und die junge Frau steht nicht mehr auf dem Dach der Anlage, sondern vor dem Eingangstor.

In der virtuellen Realität, in der sich die Ingenieurin befindet, kann sie quasi fliegen – nicht unbegrenzt, immer nur wenige Meter quer durch die Anlage, die es so noch gar nicht gibt. Erst 2021 soll sie in Betrieb gehen. Virtuell kann man aber schon heute über das Gebäude laufen, Ventile auf- und zudrehen, Leitern hinauf- und hinabklettern und vieles mehr. „Bereits heute kann so das Personal geschult werden, das in einigen Jahren in der Anlage arbeiten soll – und zwar ganz unabhängig davon, wo sich der künftige Mitarbeiter befindet. Es können sich zum Beispiel Leute aus Russland, Indien und Europa in der virtuellen Anlage treffen“, erklärt Thile, die bei Linde die virtuelle Industrieanlage für einen Kunden aus Russland mit entwickelt hat.

In Digitalisierungszentrum werden neue Produkte entwickelt

Das Projekt „Virtual Reality für Industrieanlagen“ ist nur ein Projekt von vielen, an denen bei Linde in Pullach gearbeitet wird. Hier am größten Standort des Münchner Dax-Konzerns wurde im August ein Digitalisierungszentrum eröffnet, in dem neue Produkte und Anwendungen entwickelt werden. „Digital Base Camp“ heißt die Abteilung intern. Philipp Karmires, der bei Google war, bevor er im März zu Linde wechselte, leitet das Camp in Pullach. Ein zweites wurde gerade in Schanghai eröffnet. In den USA hält man sich zurück. Wohl auch, weil man zunächst abwarten will, wie sich der geplante Zusammenschluss mit dem US-Konkurrenten Praxair auf die personelle und inhaltliche Aufstellung bei Linde auswirken wird. Wo welche Abteilungen des fusionierten Konzerns künftig sitzen sollen, wird gerade verhandelt (wir berichteten). Doch Fusion hin oder her. Seine Abteilung sieht er nicht in Gefahr, sagt Karmires. Man baue schließlich immer dort auf, wo die Kompetenz sitzt. Und das ist in Sachen Digitalisierung – zumindest bei Linde – in Pullach.

Um Veränderungen in einem Großkonzern wie Linde (100 Länder, knapp 60 000 Mitarbeiter) zu bewirken, brauche es Antikörper, sagt Kamires und zeigt ein Bild von einer Nadel, die gerade Impfstoff in einen Frauenarm befördert. Ein anderes Bild, das zeigen soll, was er und sein Team tun: Eine Gruppe Pinguine, von denen einer in ein Wasserloch springt, um zu testen, ob ein Orca unter der Wasseroberfläche wartet, um die Tiere zu fressen. „Ich gebe zu, das ist etwas drastisch, aber das ist es, was wir tun: Wir nutzen Chancen und probieren Dinge aus“, sagt Karmires. Rund 40 Projekte wurden so in den vergangenen Monaten angeschoben. Zehn sind in der Pilotphase, sechs haben es geschafft: Von der Idee über den Prototyp bis zum Produkt. „Unser Prinzip: Projektideen drei Monate vorantreiben und dann bei Erfolg schnell ins Business überführen. Was in dieser Zeit nicht funktioniert, lassen wir wieder los“, so Karmires.

Virtuelle Realität für Industrieanlagen

Kurz vor der Kommerzialisierung steht auch die virtuelle Realität für Industrieanlagen, an der Nanna Thile gemeinsam mit einem Münchner Start-up arbeitet. „Der Prototyp ist durch, jetzt programmieren wir den Piloten“, sagt die Ingenieurin. Nicht die Hardware – bestehend aus Brille, Kontrollern und Sensoren – ist entscheidend. Daten lassen die virtuelle Anlage am anderen Ende der Welt entstehen. „Die Daten haben wir ohnehin, wir nutzen sie nur jetzt anders“, sagt Thile.

Industriegase und -anlagen sind das Kerngeschäft des Münchner Dax-Konzerns Linde.

Wert schaffen aus Daten, die ohnehin im Unternehmen sind. Das ist der Ansatz einer ganzen Reihe von Projekten, die in Pullach entwickelt werden. So garantiert Linde zum Beispiel Kneipenbesitzern in Großbritannien, die CO2 für die Schankanlagen von Linde beziehen, dass sie bei Lieferungen genau die Ware auf dem Lkw finden, die sie gerade brauchen – und zwar ohne Vorbestellung. Eine Software errechnet aus historischen Kundendaten und tagesaktuellen Parametern wie Wetter, Feiertagen oder Festen den Bedarf. Ein weiteres Daten-Beispiel: Mit künstlicher Intelligenz identifiziert ein Programm anhand von Wetter, Unfallschwerpunkten und anderen Gefahrenquellen gefährliche und sichere Transportrouten. In Großbritannien kommt das Programm bei Linde im Gase-Transport bereits zum Einsatz, bald soll auch in Australien der Algorithmus Kosten sparen und Leben retten. Eine Milliarde Kilometer legen Lindes Lkw-Fahrer jedes Jahr weltweit zurück. Das heißt: Das Potenzial ist groß. Nicht nur in der Logistik.

Die Zahl der Ideen, die bei Karmires landen, ist hoch. 80 hat er derzeit auf der Liste. Und die Palette ist breit, was daran liegt, dass die meisten Ideen von Mitarbeitern aus den Geschäftsbereichen stammen. Im Mittelpunkt steht immer der Nutzen für den Kunden: Zum Beispiel bei „Linde Go“. Mithilfe von Datenbrillen sollen Kunden ihre Anlagen so selbst warten können. Experten von Linde können sich bei Bedarf zuschalten. Oder beim Ersatzteil-Portal. Online können hier Kunden seit Kurzem ein kaputtes Bauteil in den Plänen ihrer Anlage anklicken. Linde erstellt eine Angebotsliste mit allen Herstellern, die ein entsprechendes Ersatzteil liefern können – mit Preisvergleich.

Das Ersatzteil-Portal ist eine der Innovationen aus Pullach, mit denen bei Linde bereits Geld verdient wird. Und das dürfte im Zuge der Fusion, wenn es darum geht, welche Kompetenzen an welchen Standorten gebündelt werden, ein gutes Argument sein.

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