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Norbert Reithofer verlässt überraschend den BMW-Vorstandsposten und wechselt in den Aufsichtsrat.

Reithofer verlässt Vorstandsposten

BMW: Darum erfolgte der Wechsel zu diesem Datum

München - BMW-Konzernchef Norbert Reithofer wechselt an die Spitze des Aufsichtsrats, ihm folgt Produktionschef Harald Krüger nach. Dass die Rochade an einem 9. Dezember bekanntgegeben wird, ist kein Zufall.

Selten hat ein Führungswechsel so sehr überrascht, wie der, den BMW am Dienstag ankündigte. Warum soll einer der erfolgreichsten Konzernchefs in Deutschland seinen Vertrag nicht bis zum Ende erfüllen dürfen?

Bis 2016 ist Norbert Reithofer (dann 60) als BMW-Chef bestellt. Bis 2016 läuft auch der Vertrag des Aufsichtsratsvorsitzenden Joachim Milberg (mit 73). Dann könnte Reithofer an dessen Stelle ins Kontrollgremium wechseln – im Rahmen einer großen Feier.

Die Antwort ist einfach: BMW tickt da anders als die meisten Beobachter. Die hatten den 7. März 2016 im Blick, den 100. Geburtstag von BMW. Da hätte der dann 51-jährige Produktionsvorstand Harald Krüger im operativen Geschäft das Ruder übernehmen können.

Was ist für ein Unternehmen wichtiger als das Jubiläum seiner Gründung? Für BMW gibt es ein solches Datum. Der Tag seiner Rettung, der 9. Dezember 1959. Genau 55 Jahre später verkündet BMW den Generationswechsel. Kein Zufall.

9. Dezember 1959: Kleinaktionäre setzten sich durch

Kurzer Blick in die Geschichte: Am 9. Dezember 1959 rebellierten die Kleinaktionäre von BMW. Sie erzwangen, dass die Hauptversammlung des Automobil- und Motorradbauers vertagt wurde. Das war nicht im Sinn der Mächtigen, der Geschäftsleitung von BMW und der Großaktionäre, allen voran die Deutsche Bank.

Sie hatten sich längst darauf verständigt, dass BMW nach jahrelangen Verlusten an den damals viel erfolgreicheren Konkurrenten Daimler-Benz verscherbelt wird. Doch die Kleinaktionäre setzten sich durch und retteten BMW als eigenständiges Unternehmen.

Die kommenden Monate überzeugte der Betriebsratsvorsitzende Kurt Golda in zähen Gesprächen den Industriellen Herbert Quandt von der Zukunftsfähigkeit von BMW. Quandt wurde Großaktionär, BMW wuchs nach und nach zum Rivalen der Daimler-Marke Mercedes Benz heran – und überholte schließlich die Stuttgarter.

Seit der geglückten Rettung herrscht bei BMW wie in kaum einem anderen Unternehmen ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitnehmervertretern und Großaktionären. Wenn Joachim Milberg diesen Tag wählt, tut er dies nicht ohne Grund. Er wird dies alles gründlich und mehrfach mit den Großaktionären besprochen haben.

Anschließend wird er Reithofer, dem die Zustimmung sicher nicht leicht fiel, ins Boot geholt haben. Und auch den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Manfred Schoch. Denn eines ist seit den historischen Vorgängen ab Ende 1959 bei BMW unantastbar: das enge Einvernehmen mit den Arbeitnehmern.

Milberg will Jubiläum nicht zum Rückblick werden lassen

Nichts wirklich Entscheidendes lief gegen Golda und nach dessen Pensionierung seinen Nachfolger Schoch. Und wenn man doch ein Haar in der Suppe von Reithofers ansonsten makelloser Bilanz suchen sollte, am ehesten würde man an der Nahtstelle zum Betriebsrat fündig. Denn der frühere Produktionsvorstand hat für die flexible Organisation der Arbeit den Beschäftigten viel zugemutet: immer noch mehr Zeitarbeit, den Einsatz von externen Dienstleistern mit Billig-Löhnern.

Um doch wieder zu mehr dauerhafter Beschäftigung zu kommen, musste der Betriebsrat großzügige Pausenregelungen opfern. Schoch, den die wenigen Rebellen in Betriebsratskreisen immer wieder als zu vorstandsnah kritisierten, soll wegen solcher Zumutungen und der zunehmenden Produktion in ausländischen Werken öfter einmal getobt haben.

Sein Kommentar zum Führungswechsel enthielt eine klare Botschaft: Die gute Partnerschaft zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung sei Grundlage der Erfolgsgeschichte: „Diese Zusammenarbeit wollen wir mit dem Generationswechsel fortsetzen.“ Es besteht kein Zweifel, dass Krüger, der zunächst im Vorstand für Personal zuständig war, auch die Unterstützung der Arbeitnehmerseite hat. Doch das allein ist sicher kein Grund für den vorgezogenen Führungswechsel.

Dahinter steckt eine andere Botschaft: Milberg will das Jubiläum nicht zum Rückblick auf eine erfolgreiche Vergangenheit werden lassen. Für die Führungsrolle von BMW sei „es notwendig, die Verantwortung für die Weiterentwicklung des Unternehmens rechtzeitig an nachfolgende Generationen zu übergeben“, sagte er am Dienstag.

Ohnehin ist es bei BMW keine Selbstverständlichkeit, dass ein Vorstandschef nahtlos in den Aufsichtsrat wechselt. Reithofers Vorgänger Helmut Panke wurde das gar nicht erst angeboten. Dazu gehören schon außergewöhnliche Leistungen. Milberg hatte als Vorstandschef das Rover-Debakel seines Vorgängers Bernd Pischetsrieder bewältigt – und gehört damit trotz einer Amtszeit von nur drei Jahren zu den prägenden Figuren von BMW.

Reithofer hatte neun Jahre Zeit, um das Bild von BMW als Hersteller von Autos, die schnell und luxuriös waren, um eine dritte Qualität zu erweitern. Er steht für Hinwendung zum Umweltschutz. Der Verbrauch der Fahrzeuge wurde dramatisch gesenkt. Mit dem i3 wurde ein revolutionäres Elektroauto auf den Weg und in den Verkehr gebracht. Und seit 2005 ist BMW Branchenführer im Dow Jones Sustainability Index und damit das weltweit nachhaltigste Automobilunternehmen.

Martin Prem

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