Verheerender Anschlag in Ägypten: Zahl der Toten auf 155 gestiegen

Verheerender Anschlag in Ägypten: Zahl der Toten auf 155 gestiegen
+
Eine klare Steuersenkung fordert IHK-Chef Peter Driessen von der neuen Bundesregierung.

Interview

Peter Driessen: „Die Wirtschaft braucht ein neues Ethos“

Münchenn - Der Wahlkampf geht in die heiße Phase und die Wirtschaft harrt der Dinge, die da nach dem 27. September kommen. Hauptgeschäftsführer der IHK, Peter Driessen im Interview.

Über die derzeitige Lage, nötige Änderungen und mögliche Perspektiven sprachen wir mit dem Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, Peter Driessen.

-Herr Driessen, die Konjunkturdaten scheinen sich allmählich wieder aufzuhellen. Die Börse kennt nur noch einen Weg – nach oben. Haben wir jetzt alles überstanden?

Nein. Die einzig verlässliche Interpretation der aktuellen Konjunkturdaten ist, dass der allgemeine Abwärtstrend definitiv gestoppt ist. Aber in den kommenden Wochen und Monaten rechne ich mit einer Wellenbewegung. Es wird ein Auf und auch wieder ein Ab geben.

-Gibt es jetzt schon Lehren, die man aus dieser Krise ziehen kann?

Ja, die Wirtschaft muss umdenken und nachhaltig handeln. Sitte und Anstand des ehrbaren Kaufmanns – das muss wieder verstärkt ins Bewusstsein der Unternehmer und der Öffentlichkeit rücken.

-Es braucht also ein neues Ethos in der Wirtschaft?

Auf alle Fälle. Die Begriffe Sitte und Anstand klingen verstaubt, aber sie bedeuten nichts anderes als Fairness im Wirtschaftsleben. Und daran hat es bei einigen in der jüngsten Zeit massiv gemangelt. Dabei sollte ein faires Miteinander in allen Branchen gelten, egal ob Banken oder Industrie und egal ob im Umgang mit Zulieferern oder Mitarbeitern.

-Wie ist es in diesem Bereich um den Mittelstand bestellt? Sind die Kleinen fairer?

Viele Mittelständler stehen mit all ihrem Hab und Gut in der Verantwortung, was dazu führt, dass sie eine langfristige und stabile Wachstumsstrategie verfolgen und auch noch an die nachfolgende Generation denken. Dies ist aber nur möglich, wenn alle Geschäftsbeziehungen auf Vertrauen aufbauen. Insofern verhalten sie sich tendenziell fairer.

-Wie kann man diesen Wechsel im Denken fördern?

Mit dem erhobenen Zeigefinger erreicht man auf alle Fälle gar nichts. Unsere einzige Chance ist, die Jagd nach kurzfristigen Ergebnissen abzuschaffen. Was hier enorm helfen würde, wäre eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft mit strikter Transparenz.

-Würde eine Reglementierung der Bonuszahlungen helfen?

Boni sollten an einen langfristigen Erfolg geknüpft, aber deren Obergrenze definitiv nicht limitiert werden. Sonst würden die Festgehälter steigen.

-Über die auch viel diskutiert wurde.

Bemerkenswerterweise vor allem über die der Wirtschaft. Aber was ist mit Kunst, Kultur und Unterhaltungsgeschäft? Da redet kein Mensch drüber. Dabei werden die Gehälter zumindest bei den öffentlich-rechtlichen Sendern über die Gebührengelder der Zuschauer bezahlt. -

Aber Sie bestreiten nicht, dass es Gehalts-Exzesse in der Wirtschaft gegeben hat?

Völlig klar, die hat es gegeben. Auch aufgrund falscher Anreize aus dem angelsächsischen Raum und dem Quartalsdenken.

-Auch überzogene Renditeversprechen, wie sie BMW -Chef Norbert Reithofer verkündet hatte, haben Sie zuletzt stark kritisiert...

Das tue ich auch jetzt noch. Denn Fairness heißt auch, die eigenen Ansprüche zurückzuschrauben. Und auch acht Prozent Rendite sind eine Menge, wenn man sie dauerhaft erwirtschaftet.

-Wie ist es denn um die soziale Marktwirtschaft bestellt? Heiner Geißler hat sie kürzlich für tot erklärt.

Nein, tot ist sie nicht. Die soziale Marktwirtschaft ist krank und sie hat Schwierigkeiten. Aber sie ist wieder auf Vordermann zu bringen. Dazu gehört aber auch ein höheres Maß Eigenverantwortung bei allen Beteiligten.

-Hat die schwarz-rote Bundesregierung richtig auf die Krise reagiert?

Die Bundesregierung hat sehr schnell gehandelt und Entscheidungen teils über Nacht getroffen, um das Bankensystem zu stabilisieren. Das war wichtig, und das hat gut geklappt. Dabei darf man nicht vergessen, dass von den alles in allem 480 Milliarden Euro, die der Staat über die Soffin bereitgestellt hat, 80 Milliarden Euro als tatsächliche Kapitalhilfe gedacht waren. Davon wurde nur ein Drittel beansprucht und teils bereits wieder zurückgezahlt.

-Mit hohen Zinsen.

Ja, das hat dem Bundesfinanzminister einen ordentlichen Zusatzertrag von bislang rund 100 Millionen Euro eingebracht. Die Commerzbank musste für die temporäre Hilfe beispielsweise neun Prozent Zinsen zahlen.

-Wird es denn nach der Bundestagswahl am Sonntag , 27. September, unliebsame Überraschungen geben?

Davon gehe ich aus. Am Dienstag nach der Wahl ist großer Kassensturz. Dann werden die Ecken ausgeputzt und man wird sehen, was man noch an Finanzmitteln hat und an welchen Stellen Finanzmittel fehlen. Egal wie diese Regierung aussieht, nach dem Wochenende werden die verschiedenen Wahlversprechen neben diese Rechnung gelegt, und dann wird man sehen, welche Vorhaben überhaupt finanzierbar sind.

-Was muss in jedem Fall geschehen?

Eine Steuersenkung . Die Steuereinnahmen steigen stets überproportional zum Wirtschaftswachstum, das belegen die Zahlen der vergangenen Jahre. Das heißt, wenn wir im kommenden Jahr zwischen 0,5 und 1 Prozent Wachstum schaffen, dann fließen wieder mehr Steuern in die Staatskasse. Deshalb fordern wir eine Senkung, und das sowohl bei der Einkommensteuer als auch bei der Unternehmensteuer.

-Und wie soll das gehen?

Es gibt erhebliches Einsparpotenzial, zum Beispiel bei den Subventionen. An viele Fördermaßnahmen haben sich auch die Unternehmen gewöhnt, dennoch sind sie nicht sinnvoll. Es macht allerdings auch keinen Sinn, einzelne Subventionen herauszugreifen. Die einzige Möglichkeit, Kürzungen politisch durchzusetzen, ohne dass der Aufschrei von Betroffenen die Politiker wieder umfallen lässt, ist die Rasenmähermethode. Das heißt, alle Subventionen sollten um einen bestimmten Prozentsatz gleichermaßen zusammengestrichen werden.

-Von einer Steuersenkung würden Spitzenverdiener profitieren.

Was sind denn heutzutage Spitzenverdiener? Zu dieser Gruppe zählt jeder, der das 1,5- bis 1,6-Fache des Durchschnittseinkommens hat. Vor 50 Jahren lag man beim 22-Fachen. Die Relationen haben sich hier völlig verschoben.

-Und was ist mit dem Vorschlag, den Steuersatz für die echten Spitzenverdiener anzuheben?

Davon halte ich nichts. Das ist leistungsfeindlich und würde dazu führen, dass Leistungsträger ins Ausland gehen.

-Auch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer taucht in mancher Diskussion wieder auf. Schließlich gilt es, einen hohen Schuldenberg abzutragen.

Ich hoffe, die Politik bleibt dabei, nicht an der Mehrwertsteuer zu drehen. Vorschläge, den Satz auf 25 Prozent anzuheben, sind Wahnsinn. Damit würde man den privaten Konsum zum Erliegen bringen.

-Im Wahlkampf blieben die Politiker so manche Antwort schuldig. Hätten Sie sich auch hier mehr Ehrlichkeit gewünscht?

Ja, das hätte ich. Denn Ehrlichkeit würde auch in der Politik funktionieren. Aber man muss sich die Mühe machen und alles genau erklären, statt Sprechblasen abzugeben.

- Ist das denn passiert?

Das wird sich nächste Woche zeigen. Klar ist aber, dass es unehrlich ist, Unternehmern, die sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden, gleich Hoffnung auf Rettung zu machen, ohne die Ursachen der Schieflage zu kennen.

-Sie spielen auf die Versprechungen nebst finanzieller Hilfen seitens der bayerischen Politik an, was etwa Quelle betrifft.

Hier muss man bedenken, dass der Versandhandel in den vergangenen Jahren stetig Marktanteile verloren hat. Gegen den Markt arbeiten, das geht nicht. Da verbrennt man nur Geld. Das Gleiche gilt bei Opel . Der rückläufige Absatz liegt auch hier an der Kundenentscheidung. Das zeigt die gegenläufige Entwicklung, die etwa Audi genommen hat. In den 70er-Jahren hatten sie ein grottenschlechtes Image, das sie jetzt komplett gedreht haben. Und schon stimmen auch die Zahlen wieder.

Das Gespräch fasste zusammen: Stefanie Backs

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Projekte für bessere Stadtluft sollen starten
Im Schatten der schwierigen Regierungsbildung ist die Dieselkrise etwas in den Hintergrund geraten. Für viele Städte mit schmutziger Luft bleibt das Thema aber …
Projekte für bessere Stadtluft sollen starten
Nachfrage nach E-Zigaretten gestiegen
Frankfurt/Main (dpa) - E-Zigaretten werden in Deutschland bei Rauchern immer beliebter. Binnen eines Jahres hat sich der Umsatz mit den als weniger gesundheitsschädlich …
Nachfrage nach E-Zigaretten gestiegen
Preisexplosion für Flugtickets: Kartellamt prüft Lufthansa
Seit der Air-Berlin-Pleite ist Fliegen innerhalb Deutschlands teurer geworden. Nach vielen Kundenbeschwerden nimmt das Bundeskartellamt die Preise der Lufthansa nun …
Preisexplosion für Flugtickets: Kartellamt prüft Lufthansa
Dax nach Ifo-Index moderat im Plus
Frankfurt/Main (dpa) - Der Dax hat sich am Freitag dank solider Wirtschaftsaussichten aus Deutschland über der Marke von 13.000 Punkten stabilisiert. Nach einem …
Dax nach Ifo-Index moderat im Plus

Kommentare