Pfadfinder für Mittelständler in China

- Schanghai - Wie Fleisch gewordene Statuen standen Chinas Staatspräsident Hu Jintao und Bundespräsident Horst Köhler im Hintergrund, während der Chef des Siemens-Konzerns und der chinesische Eisenbahnminister zwei braune Ledermappen austauschten. Darin lagen Verträge für die Lieferung von 60 ICE-Zügen nach China. Der Deutschlandbesuch von Chinas Staatsoberhaupt in der vergangenen Woche hat sich für deutsche Unternehmen ausgezahlt. Siemens bringt der ICE-Deal ein Auftragsvolumen von 670 Millionen Euro, der RAG-Konzern sammelte Aufträge aus China im Wert von 160 Millionen Euro ein.

"Graue Wege zu beschreiten, ist hier durchaus notwendig."

Christian Sommer

Doch nicht nur Großkonzerne profitieren vom Handel mit dem asiatischen Riesenreich, dessen Wirtschaft mit die höchsten Wachstumsraten der Welt hat. Bis 2010 soll sich das deutsch-chinesische Handelsvolumen auf jährlich 100 Milliarden Euro fast verdoppeln. Von den 2500 deutschen Unternehmen, die sich derzeit in China engagieren, sind Schätzungen zufolge 1500 Mittelständler. Die Bayerische Landesbank bietet ihnen Begleitung beim großen Schritt nach Fernost. Sie eröffnet am heutigen Freitag offiziell ihr neues German Centre in Schanghai.

Die dunklen Lettern, die den Schriftzug German Centre ergeben, sind von der Hauptverkehrsader zwischen dem internationalen Flughafen und dem Zentrum der 17-Millionen-Einwohner-Metropole aus zu erkennen. Am Stadtrand, wo vor wenigen Jahren das Land brach lag, erhebt sich das E-förmige Gebäude unweit des neuen Messezentrums. Der Transrapid rauscht hier vorbei und einige Kilometer weiter ragen die Wolkenkratzer in die Höhe, die Schanghais Rolle als Chinas Industrie- und Wirtschaftszentrum symbolisieren. Zwischen 40-stöckigen Wohnbunkern und Bürokomplexen drehen sich Kräne, Gehupe schallt durch die dauerüberlasteten Straßen, auf denen Handkarren neben verspiegelten Luxuskarossen entlanggezogen werden. Und wenn gar nichts mehr geht, weichen Mopeds und alle anderen, die können, auf Fußgängerwege und Gässchen aus. Die uniformierten Verkehrswächter mit ihren Trillerpfeifen können das selten unterbinden. "Graue Wege zu beschreiten, ist hier durchaus notwendig", sagt Christian Sommer, der Chef des German Centre. Und er meint nicht nur die Verkehrssituation.

Hier - wo es eine Fahrradsteuer gibt, Ausländer eine Extra-Genehmigung zum Autofahren benötigen und an jeder Ecke gefälschte Rolexuhren verhökert werden - müssen deutsche Mittelständler ihren eigenen Weg finden. Das German Centre soll ihnen als Pfadfinder helfen. Vom Zwei-Personen-Büro für 750 Euro Miete im Monat bis zur Produktionsfläche bietet das German Centre neuen China-Investoren 33 000 Quadratmeter Raum. Dazu gibt es Beratung von der Arztsuche bis zum Behördengrundkurs und ein Freizeitangebot vom Tennisplatz bis zum eigenen Appartement. "Wohnen, leben und wohlfühlen", verspricht Sommer. Knapp ein Drittel der Fläche im German Centre ist bereits vermietet, die Vollauslastung ist angepeilt.

Doch auch die künftigen Mieter werden viel eigene Anstrengung auf sich nehmen müssen. "Wir haben es uns leichter vorgestellt, wir mussten uns unsere Sporen erst verdienen", berichtet Norbert Haimerl, Finanzvorstand der Dr. Hönle AG. Das Technologieunternehmen aus Gräfelfing (Lkr. München) mit gut 120 Mitarbeitern mietete sich 2001 ein Büro im alten German Centre in Schanghai. "Das German Centre hat uns sehr geholfen bei praktischen Fragen, aber auch mit wertvollen Kontakten zu anderen Firmen vor Ort", sagt Haimerl. Nach drei Jahren hat Dr. Hönle das Centrum verlassen: "Weil wir genug Kenntnis vom Markt hatten, um selbstständig zu agieren." Doch am Ziel ist das Unternehmen noch lange nicht. China steuert heute etwa zwei Prozent des Gesamtumsatzes von zuletzt gut 22 Millionen Euro bei. Nächstes Jahr soll sich das Engagement selbst tragen. "Nach China zu gehen, hat nur Sinn, wenn man es im Kreuz hat, eine längere Durststrecke zu absolvieren", ist Haimerls Fazit. Umständliche Bürokratie, kulturelle Unterschiede und skrupellose Produktpiraterie erschweren das Geschäft im Fernen Osten.

Das hat man auch bei der Münchner Wacker Chemie festgestellt. Der Konzern mit einem Jahresumsatz von etwa 2,5 Milliarden Euro ist seit den 80er-Jahren in China aktiv und weiß um die Gefahr des Ideenklaus, wie ein Sprecher erklärt. "Man muss sich schon genau überlegen, mit welchen Technologien man rübergeht, und mit welchen lieber nicht." Der Schutz geistigen Eigentums sei eines der schwierigsten Probleme, bestätigt Sommer vom German Centre. Dennoch betont er die Chancen in dem aufstrebenden Land zwischen Kommunismus und Kapital und verweist auf Heinrich von Pierer. Der Siemens-Aufsichtsrats-Chef und Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft hat gesagt: "Es ist ein Risiko, nach China zu gehen, aber es ist ein noch größeres, es nicht zu tun."

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