Pfiffe draußen, Anpfiff drinnen: Infineon-Chef doppelt unter Druck

- München - Draußen warteten Mitarbeiter mit schrillenden Pfeifen und drinnen Aktionärsvertreter mit Reden, die in den Ohren von Ulrich Schumacher auch nicht angenehmer geklungen haben dürften. Der Chef des Münchner Halbleiter-Produzenten Infineon spürte Druck auf der Hauptversammlung in der Olympiahalle. Belegschaftsaktionäre und Anlegerschutz-Organisationen kamen ihren Zielen trotzdem nicht näher. Das Bestehen des Münchner Standorts Perlach bleibt unsicher und der Infineon-Gewinn für heuer eine vage Prognose.

<P>Das Reizwort "Aktienoptionen" schweißte Rendite-fordernde Anleger und Arbeitsplatz-orientierte Beschäftigte zusammen. Mit einem neuen Optionsprogramm sichert sich der Infineon-Vorstand Aktien zum Vorzugspreis. Einzige Voraussetzung: Der Kurs der Aktie muss über sieben Jahre insgesamt fünf Prozent steigen. "Das ist so gestaltet, dass der Vorstand keine großen Anstrengungen unternehmen muss, um in diesen Genuss zu kommen", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Das ist grob instinktlos", wetterte sie in Anbetracht hoher Verluste der Anleger. André Köttner von der Fondsgesellschaft Union Investment beklagte "eine gewisse Selbstbedienung".</P><P>Ein Vertreter von Belegschaftsaktionären attackierte Schumacher: "Sie sollten sich schämen." Bei der Entlastung des Aufsichtsrates fielen elf Prozent Enthaltungen auf. Die Kleinaktionäre, die Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung verweigerten, machten sich wegen ihrer geringen Anteile bei der Stimmabgabe aber kaum bemerkbar. Und auch die lautstarken Proteste der Mitarbeiter vor der Halle brachten Schumacher nicht zu einem Bekenntnis für den Standort Perlach.</P><P>Das Werk im Münchner Osten sei wegen der südostasiatischen Konkurrenz "erheblich unter Druck geraten". Bisher habe man Perlach mit Spezialtechnologien ausgelastet. Diese seien aber größtenteils hinfällig. Zusammen mit Arbeitnehmer-Vertretern werde nach einer Lösung für die nach IG-Metall-Angaben knapp 1000 Beschäftigten gesucht. "Aber wir haben dort kein Konzept. Eine Entwarnung, eine Garantie für den Bestand kann ich nicht geben", sagte Schumacher. Die Beschäftigten demonstrierten gegen die geplante Einführung von 12-Stunden-Schichten in Perlach und für einen Erhalt des Werks. "Es gibt die Befürchtung, dass der Standort in zwei oder drei Jahren geschlossen werden soll", sagte Dieter Scheitor, neuer Arbeitnehmervertreter im Infineon-Aufsichtsrat.</P><P>Tatsächlich fragte ein Aktionärsvertreter auf der Hauptversammlung schon danach, wie sinnvoll die Erhaltung des Perlacher Werks sei - unter Rendite-Gesichtspunkten versteht sich. Denn die Anleger lechzen nach Gewinnen - jetzt, da die Halbleiter-Branche die Krise überstanden hat. "Meine Kollegen und ich sind zuversichtlich, dass wir im laufenden Geschäftsjahr wieder Geld verdienen werden", sagte Schumacher. Viel genauer wurde er nicht. Die Analystenschätzung eines Gewinns vor Steuern und Zinsen von 324 Millionen Euro für das laufende Geschäftsjahr bewege sich im Rahmen des Möglichen. "Damit kann sich der Vorstand anfreunden." Und mit seinen Aktionären vielleicht auch wieder, wenn es so kommt.</P>

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