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Wenn Menschen ins Pflegeheim müssen, reicht die Rente dafür oft nicht aus. Was der Staat und die Pflegeversicherung dazugeben und was die Kinder bezahlen müssen, interessierte unsere Leser am meisten.

Telefonaktion

Pflegefall: Wer hilft jetzt weiter? Die wichtigen Fragen und Antworten 

Wenn Menschen ins Pflegeheim müssen, reicht die Rente dafür oft nicht aus. Was der Staat und die Pflegeversicherung dazugeben und was die Kinder bezahlen müssen, interessierte unsere Leser am meisten.

München - Die Eltern benötigen Unterstützung im Alltag. Die Kinder sind sich nicht sicher, ob schon Pflegebedürftigkeit vorliegt. Wie sollte man vorgehen? Was kann man als Bedürftiger von der Pflegekasse bekommen? Auf solche und weitere Fragen antworteten bei unserer Telefonaktion Ina Warnke von der Compass-Pflegeberatung, Angela Gebhard von der AOK Bayern und Yvonne Knobloch vom Sozialverband Vdk Bayern. Hier eine Auswahl an Fragen und Antworten:

Mein Vater hat erhebliche Probleme, seinen Alltag allein zu bewältigen, weil er an Demenz erkrankt ist. Wir benötigen Hilfe. Wie gehen wir vor?

Sie stellen einen Antrag auf Pflegeleistungen bei der Pflegekasse Ihres Vaters. Diese beauftragt den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) beziehungsweise, wenn Ihr Vater privat versichert ist, die Medicproof GmbH, mit der Begutachtung im häuslichen Umfeld. Danach wird auf der Grundlage des erarbeiteten Gutachtens ein entsprechender Pflegegrad zuerkannt. Sie können dann wählen, ob er Pflegegeld, Sachleistungen oder eine Kombination aus beidem in Anspruch nimmt. Das Pflegegutachten wird Ihnen automatisch zugesendet.

Wir haben einen Antrag auf Pflegeleistungen für meine Eltern gestellt. Nun hat sich ein Gutachter angemeldet. Wie bereiten wir uns darauf vor? Benötigen wir Unterlagen von ihrem Arzt?

Wenn aktuelle Unterlagen – eventuell nach einem Krankenhausaufenthalt – schon da sind, ist das gut. Aber es ist nicht zwingend notwendig, sich Derartiges aufwendig vorher zu besorgen. Ansonsten sollten Sie einfach einmal für sich notieren, in welchen Bereichen Ihre Eltern nicht mehr selbstständig zurechtkommen. Die Selbstversorgung spielt dabei die größte Rolle, aber es werden auch Mobilität, Einschränkungen in der Alltagskompetenz, psychische Probleme, der Umgang mit Medikamenten und soziale Kontakte einbezogen. Es bietet sich auch an, vorab einen sogenannten Selbsteinschätzungsbogen auszufüllen. Diesen erhalten Sie beispielsweise beim Sozialverband.

Als MS-Patientin betreute mich mein Mann bisher. Jetzt hat er einen neuen Job und weniger Zeit. 2017 wurde mein Antrag auf Pflegebedürftigkeit abgelehnt. Inzwischen hat sich mein Allgemeinzustand stark verschlechtert. Was raten Sie mir?

Stellen Sie unbedingt bei Ihrer Pflegekasse einen neuen Antrag, wenn sich die Pflegesituation für Sie erheblich verschlechtert hat.

In der Zeitung las ich, dass es künftig jährlich für jeden, der Pflegegrad 2 hat, 1000 Euro Landespflegegeld pro Jahr geben soll. Ich habe den erforderlichen Grad, wie komme ich ans Geld?

Dazu wurde noch nichts Konkreteres ausgeführt, lediglich, dass es unbürokratisch vonstattengehen soll. Die Anspruchsberechtigten müssen allerdings zum Zeitpunkt der Antragstellung Pflegegrad 2 und ihren Hauptwohnsitz in Bayern haben.

Meine Frau muss ständig zur Bestrahlung gefahren werden. Sie hat noch keinen Pflegegrad. Mit den Kosten kommen wir langsam an unser Limit. Gibt es Hilfe?

Wenn es sich bei Ihrer Frau um eine sogenannte Serienbehandlung handelt, kann sie einen Antrag auf Befreiung von Fahrkosten wegen Serienbehandlung bei ihrer zuständigen Krankenkasse stellen. Die Pflegekasse ist da nicht in der Pflicht.

Stimmt es, dass es für die zusätzlichen Entlastungsleistungen in Bayern eine Sonderregelung gibt, wonach mit den 125 Euro eine private Haushaltshilfe bezahlt werden kann?

Nein. Der von Ihnen genannte 125-Euro-Betrag kommt auch nicht aufs Konto des Pflegebedürftigen. Es handelt sich dabei vielmehr um einen sogenannten Erstattungsbetrag. Das heißt, das Geld ist zweckgebunden und wird in dieser Höhe mit einem zugelassenen Anbieter abgerechnet. Dafür können Sie, falls bereits Sachleistungen für Sie abgerechnet werden, den engagierten ambulanten Dienst ansprechen. Eine private Haushaltshilfe kommt jedoch dafür nicht infrage.

Ich pflege meine Frau seit Jahren, und muss jetzt einfach einmal raus. Während ich meine im Ausland lebende Tochter besuche, würde eine Bekannte für mich einspringen. Dafür gibt es etwas von der Pflegekasse – oder?

Ja. Stellen Sie bei der Pflegekasse Ihrer Frau einen Antrag auf Verhinderungspflege. 1612 Euro stehen jährlich als Erstattungsbetrag für die Ersatzpflege zur Verfügung, wenn Sie als Pflegeperson ausfallen. Dieses Geld kann für die Finanzierung der Person, die Sie kurzfristig ersetzt, verrechnet werden. Sollte Ihre Frau innerhalb eines Kalenderjahres zudem noch keine Kurzzeitpflege in Anspruch genommen haben, kann sich der genannte Betrag um die Hälfte des Kurzzeitpflegegeldes, welches ebenfalls 1612 Euro beträgt, erhöhen. Sie könnten gegebenenfalls somit im Kalenderjahr 2418 Euro für Ihre Bekannte abrechnen.

Der Arzt meiner Frau spricht von einer notwendigen palliativen Versorgung aufgrund ihrer schweren Krebserkrankung. Bisher hat sie noch keinen Pflegegrad. Sollten wir jetzt einen entsprechenden Antrag stellen?

Unbedingt. Läuft es auf eine Palliativversorgung hinaus, können die Leistungen der Pflegeversicherung Ihnen finanziell den Rücken stärken, und Sie werden durch Sachleistungen entlastet.

Unsere Schlafräume befinden sich im oberen Stockwerk unseres Hauses. Mein Mann sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Wir benötigen einen Treppenlift. Gibt die Pflegekasse etwas dazu?

Angela Gebhard von der AOK Bayern.

Vorausgesetzt, Ihr Mann hat einen Pflegegrad, sollte er bei seiner Pflegekasse einen Antrag auf den Zuschuss für Wohnumfeld verbessernde Maßnahmen stellen. Bis zu 4000 Euro Zuschuss können beispielsweise für einen Treppenlift, Badumbau, Beseitigung von Türschwellen, Bau einer Rampe und Türverbreiterung gewährt werden. Legen Sie dem Antrag einen Kostenvoranschlag bei und beginnen Sie erst mit dem Umbau, wenn der Bewilligungsbescheid da ist. In der Regel muss diese Maßnahme von einem Gutachter empfohlen werden. Es ist derselbe Gutachter, der auch den Pflegegrad begutachtet. Vom Freistatt Bayern gibt es ebenfalls Zuschüsse. Diese betragen bis zu 1000 Euro, sind jedoch einkommensabhängig und setzen Schwerbehinderung, aber keinen Pflegegrad voraus. Anträge können beim Landratsamt oder bei der Stadt gestellt werden.

Meine 84-jährige Mutter hat die Vorsorgevollmacht für ihre zwei Jahre ältere Schwester. Jetzt fühlt sie sich dem nicht mehr gewachsen, und möchte eine amtliche Betreuung für ihre Schwester. Wie machen wir das?

Gehen Sie mit Ihrem Anliegen zu Ihrem zuständigen Landratsamt. Dort stellen Sie bei der Betreuungsstelle den entsprechenden Antrag. Gegebenenfalls können Sie sich dort auch vorab noch einmal beraten lassen. Dann wird richterlich geprüft, ob eine amtliche Betreuung erforderlich ist. Ist das der Fall, ist Ihre Mutter raus.

Ich bin privat versichert und habe einen Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung gestellt. Der wurde abgelehnt. Damit bin ich nicht einverstanden. Soll ich nun klagen?

Es ist sinnvoll, zunächst einmal mit einem Pflegeberater das Gutachten, auf dem der Ablehnungsbescheid beruht, durchzugehen. Schauen Sie nach, wo Ihrer Meinung nach der dargestellte Hilfebedarf mit dem von Ihnen selbst eingeschätzten nicht übereinstimmt. Natürlich haben Sie die Möglichkeit, bei Ihrem privaten Versicherer einen Einspruch einzulegen, in dem Sie Ihre Beweggründe darlegen. Danach kommt es zu einer erneuten Begutachtung durch einen anderen Gutachter. Folgt daraus wiederum eine Ablehnung, mit der Sie nicht einverstanden sind, können Sie den Rechtsweg einschlagen.

Unsere Eltern haben beide den Pflegegrad 3 und werden noch zu Haus betreut. Es zeichnet sich aber ab, dass sie in ein Heim gehen werden. Was müsste ich als Sohn dann dazu zahlen?

Ina Warnke von der Compass-Pflegeberatung.

Das kann man pauschal nicht beantworten. Für die Finanzierung der Heimkosten werden die Einkommen sowie das Vermögen Ihrer Eltern und die Leistungen der Pflegeversicherung genutzt. Reichen diese Quellen nicht aus, um alles zu bezahlen, können beide beim zuständigen Sozialhilfeträger einen Antrag auf Hilfe zur Pflege stellen. Dieser springt dann ein, prüft aber seinerseits, ob und inwieweit Sie als Sohn in die Pflicht genommen werden können. Dabei kommen jedoch diverse Freibeträge in Anrechnung. Ihre sozialrechtliche Stellung wird berücksichtigt. Ausschlaggebend ist auch, ob vorhandene Kinder sich in der Ausbildung befinden, ob eventuell noch ein selbst genutztes Haus abzuzahlen ist oder anderweitige finanzielle Verpflichtungen bestehen.

Wegen der Arbeit ziehe ich im Sommer in den Norden. Ich betreute bisher meine Mutter in ihrem Haus. Sie hat Pflegegrad 2 und bezieht Pflegegeld. Jetzt möchte sie doch gern in ein Heim im Raum München umziehen. Wie finden wir etwas Passendes?

Im Internet finden Sie unter www.aok-pflegenavigator.de nach Postleitzahlen geordnet stationäre Einrichtungen und auch ambulante Pflegedienste mit ihren jeweiligen Angeboten. Bei der „Münchner Pflegebörse“ der Stadt München können Sie, auch telefonisch (089/62 000 222, Montag mit Freitag von 9 bis 12 Uhr), herausfinden, wo es noch freie Plätze gibt. Ihre Pflegekasse muss seit 2017 Ihnen auf Anfrage auch entsprechende Adressen zukommen lassen. Haben Sie etwas in die engere Wahl gezogen, gehen Sie hin und schauen Sie sich vor Ort um. Reden Sie auch mit Bewohnern und fragen Sie auch nach Freizeitangeboten.

Kann nicht mal jemand bei uns zu Hause vorbei kommen, um uns zu sagen, wie uns geholfen werden kann? Mein Mann und ich sind in den 80ern. Nach Klinik und Reha ist mein Mann pflegebedürftig.

Yvonne Knobloch vom Sozialverband VdK Bayern.

Fordern Sie bei der Pflegekasse Ihres Mannes eine kostenfreie Pflegeberatung an. Diese Beratung steht Ihnen per Gesetz zu und findet in der Regel innerhalb von zwei Wochen nach Anforderung statt – auf Wunsch in der Wohnung des Pflegebedürftigen. Sollte Ihr Mann privat versichert sein, ist die bundesweite Compass-Private Pflegeberatung zuständig. Neben der Information über das Begutachtungsverfahren und alle Leistungen der Pflegeversicherung können auch Listen der regionalen Pflegeanbieter eingesehen werden.

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