Pflegekasse: Minuten entscheiden, wie viel Hilfe man bekommt

- Die 91-jährige Frau sitzt im Rollstuhl. Seit einem Schlaganfall kann sie nicht mehr laufen. Sie ist auf Hilfe angewiesen. Fünfmal am Tag kommen Pfleger, helfen beim Anziehen, bei Körperpflege und Hausarbeit. Das zahlt die Pflegeversicherung. Seit 1995 haben Menschen, die bei alltäglichen Verrichtungen Hilfe brauchen, Recht auf Unterstützung. Doch Geld fließt nicht automatisch.

<P>Gespräche keine Pflege</P><P>Jeder Antragsteller wird vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) begutachtet. Dieser schickt einen Arzt oder eine Pflegefachkraft. "Die sollen feststellen, was die Leute allein machen können und wofür sie Hilfe brauchen", erklärt Heike Nordmann von der Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen. In Gesprächen wird geklärt, wie viel Hilfe man beim Waschen oder Ankleiden braucht. Die Versicherung zahlt, wenn ein Mensch "für alltägliche Verrichtungen auf Dauer regelmäßig Hilfe braucht".</P><P>Nicht vorher trainieren</P><P>Berücksichtigt werden Körperpflege, Ernährung oder Treppensteigen - Gespräche, Spaziergänge oder die Medikamentengabe dagegen gehören nicht zu den Pflegeleistungen.  Wichtig ist es, ehrlich zu antworten. Schweigen die Betroffenen aus Scham, kann die Versicherung sie niedriger einstufen oder Zahlungen verweigern. "Viel häufiger kommt es vor, dass die alten Menschen nervös sind, weil der Doktor kommt und sich dann überschätzen", sagt Uwe Brucker vom Spitzenverband der Krankenkassen. </P><P>"Sie bereiten sich vor und sind zu Leistungen fähig, die sie sonst nie schaffen. Nach dem Besuch brechen sie dann fast zusammen." Heike Nordmann rät, dass eine Pflegeperson anwesend ist: "Die weiß oft besser, wie viel Pflege wirklich notwendig ist." Helfen kann ein Pflegetagebuch. Wenn man zwei Wochen lang einträgt, wie viele Minuten man für jede Hilfeleistung braucht, kann man argumentieren. Sonst hat der Gutachter nur die Momentaufnahme.</P><P>25 Minuten fürs Baden</P><P>Bei körperlichen Beschwerden kann der Bedarf einfach einschätzt werden. "Bei geistigen Beeinträchtigungen wird es schwerer", sagt Nordmann. Demenzkranke können noch vieles, brauchen aber eine Anleitung. "Da geht es oft schneller, wenn der Pfleger die Betroffene wäscht." Das Leitbild sei jedoch, die Menschen möglichst viel selbst machen zu lassen. Wichtig sei, dass man auf Demenz hinweist.</P><P>Der Gutachter errechnet die Pflegezeiten. Für ein Bad 20 bis 25 Minuten, fürs Zähneputzen 5 Minuten. Kann sich die Pflegeperson nur am Rücken nicht selbst waschen, wird weniger angesetzt.</P><P>Bis 1400 Euro im Monat</P><P>Nun setzt die Versicherung die Pflegestufe fest: Stufe 1 setzt 90 Minuten Pflege pro Tag voraus, Stufe 3 mindestens fünf Stunden. Je nach Stufe zahlt die Versicherung 380 Euro bis 1400 Euro im Monat. Für die Betreuung von Demenzkranken (ab Stufe 1) gibt es 460 Euro im Jahr zusätzlich. Davon können Angehörige oder ein Pflegedienst bezahlt werden. "Zahlungen werden (ab Antrag) rückwirkend geleistet", sagt Harald Kesselheim vom AOK-Bundesverband.</P><P>Die Betroffenen - auch Angehörige - können innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Sie dürfen das Pflegegutachten einsehen. Es gebe immer wieder Fälle, in denen eine günstigere Einstufung an wenigen Minuten scheitere, sagt Hermann Dittes vom VdK. "Da kann man nachfragen, warum für Duschen 15 statt 20 Minuten angegeben wurden." Bleibt die Versicherung stur, bleibt der - kostenlose - Gang vor das Sozialgericht. Die Einstufung ist nicht endgültig. Pflegedienste müssen den Kassen melden, wenn sich der Zustand des Patienten ändert.</P><P>Geld auch im Ausland</P><P>Die Pflegeversicherung endet nicht an der Grenze: "Versicherte haben im Europäischen Wirtschaftsraum Anspruch auf Pflegegeld", erklärt Brucker. Die Medizinischen Dienste haben sogar Mitarbeiter für Pflegegutachten im Mittelmeerraum.<BR><BR></P>

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