"Wir investieren nicht mehr in Deutschland"

Dachau - Die Solarbranche steckt in der Krise. Harter Preiskampf und eine niedrigere Förderung bringen deutsche Firmen ins Wanken. Auch Phoenix Solar mit Sitz in Sulzemoos bei Dachau rutschte 2011 tief in die roten Zahlen.

Wir sprachen mit Phoenix-Solar-Chef Andreas Hänel über vernünftige Kürzungen bei der Solarförderung, die Verunsicherung am Markt und Strafzölle gegen Billigimporte aus China.

Der Bundesrat hat die geplante Kürzung der Solarförderung vorerst gestoppt. Atmet die Solarbranche jetzt auf?

Die Entscheidung des Bundesrats hat positive und negative Effekte. Zunächst bleibt die Unsicherheit am Markt, wie es mit der Solarförderung in Deutschland weitergeht. Niemand weiß, wie schnell es eine Einigung gibt. Positiv ist dagegen, dass jetzt hoffentlich unsinnige Regelungen im Gesetz gestoppt werden können.

Zum Beispiel?

Für Freiflächenanlagen soll künftig eine Leistungsobergrenze von zehn Megawatt gelten. Das heißt: Solaranlagen auf ehemaligem militärischem Gelände oder Industrieflächen sind für Investoren nicht mehr interessant, weil sie nur einen Teil der Fläche für Photovoltaik nutzen können. Das ist auch deshalb unsinnig, weil durch den Bau von Solaranlagen die militärischen Flächen von Munition oder Altlasten geräumt werden.

Rechnen Sie durch die Neuverhandlung der Solarförderung nicht mit einem Nachfrageboom?

Erst mal bleibt die Unsicherheit. Von einer wachsenden Nachfrage merken wir derzeit nichts.

Welche Kürzung der Solarförderung wäre für Sie noch akzeptabel?

Die Kürzung bei kleinen Dachanlagen von derzeit 24,4 Cent auf 19,5 Cent pro Kilowattstunde geht angesichts der gesunkenen Modulpreise in Ordnung. Die größten Probleme sehe ich bei den massiven Einschnitten für große Freiflächenanlagen. Solche Investitionen lohnen sich künftig kaum mehr.

Wie viele Jobs sind durch die geplante Kürzung in Gefahr?

Derzeit gibt es rund 120 000 Beschäftigte in der Solarbranche. Allein in den letzten Monaten sind zehntausend Arbeitsplätze weggefallen. Ich schätze, dass rund ein Drittel der Jobs in Gefahr ist.

Hat die Solarbranche in Deutschland überhaupt eine Überlebenschance?

Die deutsche Solarindustrie besteht aus einer breiten Bandbreite von Unternehmen – vom Modulhersteller über den Anlagenbauer und Großhändler bis zum Elektriker. Vor allem für Modulhersteller wird es schwierig, mit der Konkurrenz aus China mitzuhalten.

Der rapide Preisverfall bei den Solarmodulen hat auch Phoenix Solar tief in die roten Zahlen gedrückt. Haben Sie sich verkalkuliert?

Im Nachhinein ist man immer klüger. Aus heutiger Sicht hätten wir sicher manche Entscheidungen anders getroffen. Die Ursachen für den Gewinneinbruch reichen ins Jahr 2010 zurück. Damals hatte Phoenix Solar das beste Jahr in der Unternehmensgeschichte. Wir gingen für 2011 von einem Zuwachs aus – vor allem in Frankreich, Italien und Großbritannien. Wir haben uns dafür gerüstet, also Personal eingestellt und Module bestellt. Doch dann gab es gerade in diesen Ländern deutliche Kürzungen bei der Solarförderung – und das Geschäft entwickelte sich schlechter als geplant. Die Folge: Wir saßen auf zu hohen Lagerbeständen, die wir im Lauf des Jahres mit großen Verlusten verkaufen mussten.

Was haben Sie daraus gelernt?

Wir sind jetzt extrem vorsichtig. Wir bauen kaum Lagerbestände auf, sind damit aber nicht immer lieferfähig. Ich muss aber auch betonen: Einen Preisverfall von 40 Prozent bei Solarmodulen innerhalb eines Jahres hat niemand vorhergesehen.

Rechnen Sie mit einem weiteren Preisverfall?

Auch die meisten Modulhersteller in China schreiben rote Zahlen. Es gibt derzeit keine Luft mehr für Preissenkungen. Ich rechne dennoch damit, dass die Modulpreise 2012 noch einmal um etwa zehn Prozent fallen. Das geht aber vollständig auf Kosten der Unternehmen. Die meisten werden sich das nicht mehr lange leisten können.

Auch Phoenix Solar musste Jobs abbauen.

Wir mussten uns in Deutschland von 180 Mitarbeitern trennen. Das ist mehr als die Hälfte der Belegschaft. Das schmerzt natürlich gewaltig. Wir konnten jedoch betriebsbedingte Kündigungen vermeiden. Im Ausland gab es kaum Stellenabbau, in Singapur haben wir sogar Mitarbeiter eingestellt.

Ist das Überleben damit gesichert?

Wir haben Mitte Mai ein Finanzierungspaket mit einem Volumen von 132 Millionen Euro abgeschlossen. Voraussetzung war ein tragfähiges Sanierungskonzept. Mit der Vereinbarung ist die Finanzierung bis März 2014 gesichert.

Wie sind Ihre Prognosen für 2012?

Wir haben eher konservativ geplant. Wir rechnen auch in diesem Jahr mit einem Verlust vor Steuern und Zinsen von 19 bis 25 Millionen Euro. Das Wichtigste ist, die nächsten zwei Jahre zu überstehen. Dann sehe ich auch wieder gute Wachstumschancen.

Phoenix Solar wächst vor allem im Ausland. Ist der deutsche Markt bereits gesättigt?

In Deutschland fehlt vor allem die Verlässlichkeit der Politik. Das sorgt für gewaltige Verunsicherung. Wir werden daher in Deutschland nicht mehr investieren – das ist uns zu unsicher. Wir werden den deutschen Markt aber auch nicht außer Acht lassen.

Um sich vor Billig-Konkurrenz aus China zu schützen, haben die USA Strafzölle verhängt. Auch ein Modell für Europa?

Ich halte überhaupt nichts von Strafzöllen. Protektionismus löst immer nur Gegenmaßnahmen aus. Die chinesischen Hersteller werden dadurch ihre Expansionspläne sicher nicht stoppen. Es wäre auf jeden Fall ein großer Fehler, wenn Deutschland als Exportweltmeister Handelsbarrieren aufbaut.

Interview: Steffen Habit

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