Pierers Lehrstunde in Unternehmensführung

- München - 18 Jahre als Stadtrat sind nicht spurlos an Heinrich von Pierer vorübergegangen. Wenn der ehemalige Erlanger CSU-Politiker und heutige Siemens-Chef redet, können die Zuhörer mehr erwarten als einen Bericht über den Elektrokonzern. Und wenn er an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität als Gast-Dozent das Mikrofon umgeschnallt bekommt, um über "Corporate Governance" - verantwortliche Unternehmensführung - zu berichten, dann erzählt er auch, dass im Siemens-Vorstand unter seinem Vorsitz noch nie eine Abstimmung durchgeführt wurde, dass er an eine Verdopplung des Aktienkurses glaubt und sogar wie hoch sein Gehalt ist.

<P>Während Pierer bei der Technischen Universität im Hochschulrat sitzt, besuchte er die LMU am Montag Abend zum ersten Mal. Der promovierte Jurist und Volkswirt musste sich vor den Studenten dafür rechtfertigen, dass der Konzern die Gehälter seiner Vorstände nur in der Gesamtsumme und nicht einzeln auflistet. </P><P>Für Aktionäre sei das ausreichend, sagte Pierer, gab aber Einblick in seine persönlichen Gehaltsstrukturen. "Das Durchschnittsgehalt eines Vorstands mal 1,5 für den Vorsitzenden, das ist schon ungefähr richtig", erläuterte er. Macht für das Jahr 2003 etwa 3,6 Millionen Euro für Pierer. Noch mehr Freude würde ihm ein weiterer Anstieg des Siemens-Aktienkurses bereiten. "Mein Bestreben ist ganz klar, den Kurs nochmal zu verdoppeln", versicherte er. "Über die Zeit" sei das möglich.<BR><BR>Weniger rosig sieht er die Lage am Standort Deutschland. Vielen Menschen sei der Sinn für die Realität abhanden kommen. "Die Realität heißt Globalisierung." An den Börsen ist der Trend zum weltweiten Engagement dagegen rückläufig. Siemens sei aus guten Gründen in den USA notiert. Aber harte Wertpapier-Richtlinien könnten Wirtschaftstätigkeit auch ersticken. "Ich beobachte mit großem Interesse, dass der Drang zur New Yorker Börse nachgelassen hat."<BR><BR>Die Folgen der Globalisierung - etwa Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland - muss Pierer auch im eigenen Aufsichtsrat gegen Arbeitnehmer-Vertreter verteidigen. Und dafür wird er auch von den Gewerkschaften kritisiert. Dennoch schätze er den Dialog. "Ich bin ja schon Ehrenmitglied des Betriebsrats in einer ostdeutschen Fabrik. Mir fehlt eigentlich nur noch, dass ich Ehrenmitglied der IG Metall werde." Vielleicht wird er ja in einigen Jahren selbst Aufsichtsrat. Er sprach sich für den Wechsel von Vorständen in das Kontrollgremium aus. Die Studenten bekämen Pierer dann vielleicht auch öfter zu hören.</P>

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