Pleitenrekord in Deutschland

- Düsseldorf - Das jahrzehntelang als Musterschüler in Europa geltende Deutschland verbucht einen Pleitenrekord nach dem anderen. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform befürchtet, dass die Gesamtzahl der Insolvenzen in diesem Jahr voraussichtlich auf 135 000 bis 140 000 Fälle und damit auf einen neuen Höchststand steigen wird. Bereits im vergangenen Jahr sei mit einem Anstieg von 15,3 Prozent auf 115 700 Fälle ein Pleitenrekord verzeichnet worden, sagte CreditreformVorstand Helmut Rödl am Donnerstag in Düsseldorf.

Das gehe hauptsächlich auf die weiter rasant steigende Zahl der Privatinsolvenzen zurück, während die Zahl der Firmenpleiten 2004 nur leicht zugenommen habe. Hier liege Deutschland im westeuropäischen Vergleich erneut auf dem zweiten Platz hinter Frankreich. Die Zahl der Firmenpleiten sei 2004 im Bundesdurchschnitt um 0,3 Prozent auf 39 600 gestiegen. Die zuvor erhoffte Trendwende sei damit nicht eingetreten. Die immer noch steigende Zahl gehe auf die Entwicklung in den alten Bundesländern zurück. In den neuen Bundesländern seien die Firmenpleiten seit 2003 rückläufig.<BR><BR>Insgesamt waren laut Creditreform 2004 bundesweit gut 600 000 Arbeitnehmer von der Insolvenz ihres Arbeitgebers betroffen. Die Zahl sei erstmals seit 2000 rückläufig. Dies werde in diesem Jahr - unter anderem durch die Pleite von Walter-Bau - wahrscheinlich wieder in die andere Richtung gehen.<BR><BR>Im Vergleich der westeuropäischen Länder belegt Deutschland laut Creditreform bei den Privatinsolvenzen den Spitzenplatz vor Großbritannien. Gut 76 000 Verbraucher und ehemals Selbstständige traten 2004 den Gang zum Insolvenzgericht an. Seit der Einführung des Insolvenzverfahrens für Verbraucher in Deutschland 1999 habe sich damit die Zahl der Fälle mehr als verzehnfacht.<BR><BR>Die deutliche Zunahme sei aber kein rein deutsches Phänomen. Nur Norwegen habe 2004 einen Rückgang bei Privatinsolvenzen verzeichnet. Die Privatinsolvenzen seien mit Blick auf die Überschuldung von Verbrauchern nur die Spitze des Eisberges. Neun Prozent der deutschen Privathaushalte gelten als überschuldet.<BR><BR>Creditreform geht für das laufende Jahr bei Verbraucherpleiten in Deutschland von einen erneuten starken Anstieg aus. Bei den Firmenpleiten in der deutschen Wirtschaft wird auf eine Stagnation oder einen leichten Rückgang gehofft. "Wir werden eine nachhaltige Verbesserung bei den Unternehmenspleiten 2005 nicht bekommen", meinte Rödl.<BR><BR>Während in der deutschen Industrie eine Abnahme der Firmenzusammenbrüche wahrscheinlich sei, werde für den krisengeschüttelten Einzelhandel mit einer weiteren Pleitenzunahme gerechnet. Die Insolvenzgefahr sei im Baubereich am höchsten. Die Pleite von Walter-Bau werde viele Unternehmen mit in den Abgrund ziehen. Rödl geht von mindestens 40 bis 50 Folgekonkursen aus.

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