Nutzfahrzeuge

Wie MAN plötzlich viel billiger wurde

München - Der älteste deutsche Industriekonzern ist Geschichte. Gestern unterwarf sich MAN auch ganz förmlich seinem mächtigen Hauptaktionär Volkswagen.

Die meisten Aktionäre von MAN des mit 255 Jahren ältesten deutschen Industriekonzerns, die gestern ins Münchner Messegelände gekommen waren, wussten längst, dass sie nichts mehr zu entscheiden hatten. Seit Jahren gibt nur einer von ihnen den Ton an. Der Volkswagen-Konzern, vertreten durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch, inzwischen mit einer Dreiviertelmehrheit. Gestern nahm VW die Nutzfahrzeug- und Maschinenbau-Tochter an eine noch kürzere Leine: Durch einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag (siehe Kasten) kann er nun ohne Umwege in München durchregieren.

„MAN ist nun Teil der Volkswagen-Familie“, sagte MAN-Chef Georg Pachta-Reyhofen. Viele der gestern adoptierten Kleinaktionäre sehen sich aber als ungeliebte Stiefkinder. „MAN kann vieles“, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz unter Anspielung auf den derzeitigen MAN-Werbeslogan bitter. „Aber nicht die Aktionäre anständig behandeln.“

Vor allem die Barabfindung, zu der der Volkswagenkonzern mit dem Vertrag verpflichtet war, erzürnt die Minderheitseigner. 80,89 Euro pro Aktie hatte Volkswagen den Aktionären geboten. Nicht ein einziges Mal in diesem Jahr hat die MAN-Stammaktie auf einem so tiefen Niveau geschlossen. Doch gestern rechnete Pachta-Reyhofen den Aktionären vor, dass ihre Aktien nach den jüngsten Gewinnwarnungen eigentlich nur 80,56 Euro wert seien. Dennoch wolle man „an den vereinbarten Beträgen festhalten“.

„Die Ankündigung klingt wie Hohn“, sagte Bergdolt. Denn auch die gestern vorgebrachten Argumente für den jüngsten Wertschwund ihres Unternehmens konnten die meisten Kleinaktionäre nicht überzeugen. Viele von ihnen glauben, dass VW MAN dazu brachte, sich billig zu rechnen und den Wertschwund in den letzten Wochen durch zwei Gewinnwarnungen – die letzte erst am Dienstag dieser Woche – noch vor der Hauptversammlung öffentlich zu machen.

Pachta-Reyhofen gelang es nicht, die anwesenden Kritiker vom Gegenteil zu überzeugen. Nur sehr allgemein brachte er Vertragsrisiken bei einem Großauftrag für Dieselkraftwerke vor, die dafür sorgen, dass MAN nun um 120 Millionen Euro weniger wert ist. Weitere 105 Millionen Euro Wertabschlag seien die Folgen steuerlicher Risiken einer Betriebsprüfung bei einer früheren Tochter.

Der größte Wert-Verflüchtigungs-Posten von 641 Millionen Euro ist ohnehin Spekulation. MAN zog aus ausbleibenden Wartungs- und Reparaturaufträgen für Motoren, Kraftwerke und Turbinen im laufenden Jahr den Schluss, dass diese Maschinen auch künftig seltener gewartet und repariert werden, weil Reedereien, Kraftwerksbetreiber und andere Unternehmen ihre Etats zusammenstreichen – und erwartet dadurch beträchtliche Einnahmeausfälle.

Außerdem verwies Pachta-Reyhofen gestern darauf, dass derzeit viele – auch jüngere – Schiffe abgewrackt werden und deren Instandhaltung damit keinen Umsatz mehr bringt. Die früher in vergleichbaren Fällen übliche Erwartung, dass auf eine Verschrottungswelle im konjunkturellen Niedergang irgendwann auch wieder Neuaufträge und höhere Umsätze folgen könnten, hat MAN diesmal aber nicht. Dies würde den Unternehmenswert ja erhöhen.

Eigentlich wäre die Erläuterung der neuen MAN-Werte nicht die Sache des Vorstandssprechers Pachta-Reyhofen gewesen, sondern die eines Finanzvorstands. Doch dieser, Frank Lutz, hat das Unternehmen bereits im Februar völlig überraschend verlassen. Damals wurde gemunkelt, dass Lutz nicht zum Erfüllungsgehilfen von Wolfsburger Vorgaben werden wollte. Lutz verfolgte die Hauptversammlung gestern als Aktionär.

Während Daniela Bergdolt – gestern als einzige – die Fahne der kleinen MAN-Aktionäre hochhielt, liefen sich nach ihr schon einige Akteure der nächsten Runde des Kampfes um MAN warm. Mehrere Rechtsanwälte bombardierten Vorstand und Aufsichtsrat mit zahlreichen sehr detaillierten Fragen. Dies geschah ganz offensichtlich in der Erwartung, in den Antworten die Formfehler aufzuspüren, die es den Juristen später ermöglichen, die Hauptversammlungsbeschlüsse vor Gericht anzufechten.

Martin Prem

Rubriklistenbild: © dpa

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