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„Porsche und Telekom? Der Vergleich hinkt“ - Anlegerschützer über den Börsengang der Automarke

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Ein Porsche Logo leuchtet während der blauen Stunde.
Der Stuttgarter Autobauer Porsche wagt den Börsengang. (Symbolbild) © Silas Stein/dpa

Porsche geht an die Börse. Mit 75 Milliarden Euro wird das Unternehmen sofort zu einem DAX-Schwergewicht. Anlegerschützer Ulrich Hocker spricht über den Telekom-Vergleich.

Frankfurt – Der VW-Konzern bringt heute seine Tochter Porsche an die Börse. Es wird der größte deutsche Börsengang seit der Telekom im Jahr 1996 – und er findet in einer miserablen Börsenphase statt. Der deutsche Leitindex Dax ist seit Jahresbeginn über 20 Prozent im Minus. Mit rund 75 Milliarden Euro an Börsenwert wird Porsche trotzdem sofort zu einem der Schwergewichte im Leitindex. Doch ist das überhaupt gerechtfertigt? Darüber haben wir mit Anlegerschützer Ulrich Hocker gesprochen. Der Präsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) beobachtet Porsche und VW schon seit vielen Jahren.

„Ein paar Wochen warten zahlt sich also gerade in diesem miesen Börsenumfeld womöglich aus“

Herr Hocker, trotz richtig schlechter Stimmung an den Finanzmärkten geht Porsche an die Börse. Ist das ein guter Zeitpunkt für einen Börsengang?

Für Privatanleger schon! Man will ja lieber weniger für eine Aktie zahlen als mehr, oder? Und auch die Familien Porsche und Piëch, die 25 Prozent der Stammaktien erhalten, werden sich wohl über den günstigen Preis freuen, den sie dafür zahlen. Durch das schlechte Börsenumfeld werden Porsche und die Mutter VW aber wohl nicht ganz so viel Geld erlösen, wie man sich beim Start des Projektes vielleicht gewünscht hätte. Wirklich schlecht ist das Ergebnis aber auch nicht. Bei der Zeichnungsfrist war der Andrang so groß, dass nur Bestellungen zum Höchstpreis akzeptiert wurden.

Werden Privatanleger überhaupt etwas von den Aktien abbekommen?

Ich gehe schon davon aus, dass die Aktie quotiert wird und nicht nur an wenige Großanleger geht, sondern auch an viele Privatanleger. Im Vorfeld gab es explizit Angebote an Porschefahrer. Porsche- und VW-Chef Oliver Blume warb auch gezielt damit, dass sich die meisten Autofans vielleicht keinen echten Porsche leisten können, dafür aber die Aktie.

Falls man in der Zeichnung keine Aktie ergattert hat: Lohnt es sich, gleich am ersten Tag an der Börse Porsche-Aktie zu kaufen?

Den besten Einstiegszeitpunkt kann man nicht vorhersagen. Oft ist es aber schon so, dass die Aktien an den ersten Tagen wegen der hohen Nachfrage hoch gehandelt werden. Ein paar Wochen warten zahlt sich also gerade in diesem miesen Börsenumfeld womöglich aus.

In Deutschland hat bisher nur die Telekom einen größeren Börsengang hingelegt. Viele Anleger sind mit der Aktie der Telekom auf die Nase gefallen. Droht wieder Ähnliches?

Porsche und Telekom? Dieser Vergleich hinkt. Die Telekom kam zu hohen Preisen in einer Finanzblase auf das Parkett, Porsche nicht. Sie war stark staatlich reguliert und hatte deshalb in Deutschland eine Ertragsschwäche, Porsche wächst dagegen seit vielen Jahren, schreibt hohe Gewinne und ist im Zukunftsbereich der Elektromobilität einer der Vorreiter. Die Voraussetzungen sind also völlig unterschiedlich.

„Für den Standort Deutschland ist der Börsengang eine tolle Sache“

Porsche verkauft 300 000 Autos im Jahr und VW über acht Millionen. Trotzdem ist der Mutterkonzern VW nur etwa doppelt so viel wert wie die Tochter Porsche. Da stimmt die Relation nicht ganz, oder?

Ja, aber das liegt nicht daran, dass Porsche zu hoch bewertet ist. Zum Vergleich: Porsche ist rund 75 Milliarden wert, VW mit Stamm- und Vorzugsaktien etwa 140 Milliarden, Tesla 900 Milliarden. Anleger sind also bereit, für Technologieführer viel Geld zu bezahlen. VW hatte immer einen enormen Konglomeratsabschlag. Völlig zu Unrecht, denn neben Seat und Skoda sind mit Porsche, Audi oder Bugatti wirklich spannende und innovative Luxusmarken Teil des Konzerns. Vielleicht merkt man das jetzt und VW wird anders bewertet. Als Fiat Ferrari an die Börse gebracht hat, war das dort auch der Fall.

Privatanleger erhalten bei Porsche Vorzugsaktien. Die haben kein Stimmrecht. Ist das ein Problem?

Für den normalen Privatanleger nicht. Der bekommt dafür nämlich eine höhere Dividende. Etwas fragwürdig ist aber, dass die Familien Porsche und Piëch nur 7,5 Prozent Aufschlag für die Aktien mit Stimmrecht zahlen mussten. Das ist eigentlich viel zu billig. Denn bei VW selbst liegt die Differenz zwischen den Aktien mit und ohne Stimmrecht zum Beispiel bei 30 Prozent.

Was bedeutet der Börsengang für den Wirtschafts- standort Deutschland?

Für den Standort Deutschland ist er eine tolle Sache. Porsche zeigt, wie stark und innovativ die deutsche Wirtschaft ist. Und die Marke ist weltweit bekannt, nicht nur bei Autofans. Überhaupt gibt es in Deutschland enorm viele spannende Unternehmen, die bei Investoren aus den USA und anderen Ländern aber lieder viel zu oft unter dem Radar fliegen. Hoffentlich weckt der Börsengang von Porsche bei ihnen mehr Interesse für die deutsche Wirtschaft. Er könnte damit so etwas wie eine Initialzündung für den deutschen Finanzmarkt sein.

Interview: Andreas Höss

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