Porsche übernimmt Kontrolle bei VW

-

Stuttgart (dpa) - Der Sportwagenbauer Porsche hat die Kontrolle bei VW übernommen und Europas größten Autobauer zu seinem Tochterunternehmen gemacht.

Die Stuttgarter stockten drei Jahre nach ihrem Einstieg bei VW am Dienstag ihren Anteil auf 35,14 Prozent auf. "Das Ziel bleibt weiterhin, unseren Anteil an Volkswagen auf über 50 Prozent zu erhöhen. Der heutige Schritt ist ein weiterer Meilenstein auf diesem Weg", sagte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Bis zum November wollen die Stuttgarter über 50 Prozent der VW-Aktien halten.

Mit dem Sprung um 4,89 Prozent auf jetzt über 35 Prozent der Stimmrechte erlangt Porsche die sogenannte faktische Mehrheit über den Wolfsburger Konzern. Nach dem Wertpapierübernahmegesetz ist VW nach Porsche-Angaben damit ein Tochterunternehmen der Porsche Automobil Holding SE. Damit werden im kommenden Jahr auch Arbeitnehmervertreter von VW in Betriebsrat und Aufsichtsrat der Holding einziehen.

Die EU-Kommission hatte die Anteilserhöhung zur Bedingung gemacht, um überhaupt über die geplante Mehrheitsübernahme von Porsche bei VW zu entscheiden. Hintergrund dieser Forderung ist, dass bei den VW- Hauptversammlungen in den vergangenen Jahren die Präsenz der stimmberechtigen Aktionäre bei rund 60 Prozent lag. Um eine dauerhafte und beständige Porsche-Mehrheit bei den VW- Aktionärstreffen nachzuweisen, war deshalb bei den Gesprächen zwischen Porsche und der Brüsseler Behörde die Schwelle von rund 35 Prozent der Anteile angesetzt worden.

An der Machtausübung ändert sich jedoch nichts: Die Sperrminorität von 20 Prozent, die dem Land Niedersachsen als zweitgrößtem Anteilseigner ein Vetorecht bei wichtigen Entscheidungen sichert, bleibt weiter bestehen. Allerdings hat die EU-Kommission bereits angekündigt, die Bundesregierung wegen der Sonderrechte bei VW erneut vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) verklagen zu wollen. Die geplante Neufassung des VW-Gesetzes, die an diesem Freitag dem Bundesrat zur ersten Lesung vorgelegt werden soll, sieht weiter die Sperrminorität für Niedersachsen vor.

Gleichzeitig wird Porsche der VW-Tochter Audi ein formales Pflichtangebot zum gesetzlich vorgeschriebenen Mindestpreis unterbreiten, das innerhalb der nächsten vier Wochen bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleitungen (Bafin) vorgelegt werden muss. Das Angebot soll bei rund 487 Euro je Aktie liegen. Wiedeking betonte jedoch: "Wir sehen Audi als integralen Bestandteil des Volkswagen-Konzerns und haben kein Interesse daran, das Unternehmen aus dem Verbund herauszulösen." Porsche sei gesetzlich zu diesem Schritt gezwungen.

VW habe bereits erklärt, das Angebot für seine 99,14 Prozent der Audi-Aktien nicht anzunehmen. Praktisch bleibe damit für das Pflichtangebot nur ein Streubesitz von 0,86 Prozent der Aktien, erklärte der Manager. Das entspreche rund 370 000 Wertpapieren. Basierend auf dem Schlusskurs von vergangenem Montag liege der Wert des Paketes bei rund 170 Millionen Euro. Porsche habe nicht vor, Audi-Aktien außerhalb des Pflichtangebots zu kaufen.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) kündigte derweil eine neue Initiative in der Länderkammer gegen das umstrittene VW-Gesetz an. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) kritisierte den Vorstoß seines Amts-und Parteikollegen. Er forderte außerdem, trotz des Eklats im VW-Aufsichtsrat in der vergangenen Woche sollten alle wichtigen Persönlichkeiten wie Porsche-Oberaufseher Wolfgang Porsche, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch "an Bord bleiben".

Piëch hatte auf der VW-Aufsichtsratssitzung am vergangenen Freitag mit seiner Stimmenthaltung einen Antrag der VW-Arbeitnehmerseite passieren lassen, wonach Geschäfte zwischen Porsche und der Volkswagen-Tochter Audi nur mit Zustimmung des Wolfsburger Aufsichtsrates geschlossen werden dürfen. Damit fiel er dem Porsche- Konzern, bei dem er selbst Miteigentümer ist, in den Rücken. Spekuliert wird seit dem Wochenende, dass die Porsche-Eigentümer- Familien Porsche und Piëch nun nach einer Mehrheit für eine Ablösung von Piëch an der VW-Spitze suchen.

In Audi-Kreisen hieß es am Dienstag, Piëch habe mit seiner umstrittenen Stimmenthaltung vor allem die Marke Audi schützen und verhindern wollen, dass sie zum Spielball werde. Piëch war selber lange Zeit Audi-Chef. Wäre der Antrag der Arbeitnehmer verhindert worden, hätte das möglicherweise große Auswirkungen auf das Modellportfolio von Audi gehabt. "Faktisch würde dann der R 8 keinen Nachfolger bekommen" sagte ein Audi-Insider. Der Supersportwagen R 8 von Audi gilt als Konkurrent des Porsche 911.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gegenwind für Mays Brexit-Kurs in Davos
In Davos wirbt Premierministerin May für Großbritannien als Wirtschaftsstandort mit guten Handelsbeziehungen in alle Welt. Doch für ihren Brexit-Kurs gibt es auch …
Gegenwind für Mays Brexit-Kurs in Davos
EZB hält Geldschleusen weit geöffnet
Die Europäische Zentralbank hält an ihrer Billig-Geld-Strategie fest. Ein rasches Ende der ultralockeren Geldpolitik ist nicht in Sicht - trotz aller Kritik vor allem …
EZB hält Geldschleusen weit geöffnet
EZB-Zinsentscheid lässt den Dax kalt
Frankfurt/Main - Die Europäische Zentralbank halten an ihrem Kurs fest. An der Frankfurter Börse bringt das kaum Bewegung. An einem ruhigen Tag sorgen vielmehr …
EZB-Zinsentscheid lässt den Dax kalt
Schäuble in Davos: „You never eat as hot as it is cooked“
Davos/Berlin - Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zeigte sich beim Wirtschaftsforum in Davos milde im Hinblick auf die EU-Verhandlungen mit London. Dabei fiel er mit …
Schäuble in Davos: „You never eat as hot as it is cooked“

Kommentare