Präzise Peilung aus dem All lässt Standort München profitieren

- München - Galileo Galilei hat das Fernrohr nicht erfunden, aber mit einem Nachbau einen Haufen Geld gemacht. Seine Namensvettern halten es ähnlich: Das Raumfahrt-Projekt "Galileo" hat die Satelliten-Navigation nicht erfunden, will aber kräftig daran verdienen. Bei Galilei zahlte und frohlockte anno 1609 Venedig, bei Galileo ist im Jahre 2003 der Großraum München Hauptprofiteur.

<P>30 Satelliten sollen auf drei Bahnen die Erde umkreisen, der erste macht sich schon 2005 auf den Weg. Galileo ist gedacht als Konkurrenz zum amerikanischen GPS-System, das eine metergenaue Ortung weltweit erlaubt. Die Zentrale der Entwicklungsgesellschaft wird von Brüssel nach Ottobrunn verlagert. Die Verträge sind jetzt unterschrieben.</P><P>Auf bis zu 100 000 Arbeitsplätze schätzen Optimisten den europaweiten Job-Effekt des Satellitenprojekts, das von einem Konsortium deutscher, englischer, italienischer, französischer und spanischer Firmen geführt wird. Bundes- und Staatsregierung wollen davon so viele wie möglich nach Bayern holen. Mit je 80 Stellen in München und Rom geht es in diesen Tagen los. Einige tausend sollen in den nächsten fünf Jahren folgen. Erster Chef von Galileo Industries wird der Raketen-Manager Günter Stamerjohanns (53). Sein Team soll das rund 3,3 Milliarden Euro teure Satellitennetz bis 2008 entwickeln.</P><P>Stamerjohanns sieht das Projekt vor allem als Alternative zum dominierenden amerikanischen GPS. Wenn GPS ausfalle oder von den USA gezielt ausgeschaltet würde, entstünden in Europa pro Tag Schäden von 200 Millionen Euro, sagt er. Experten warnen zudem, dass GPS "sicher nicht auf Dauer kostenlos" genutzt werden könne.</P><P>Die Milliarden für die Entwicklung von Galileo kommen zur Hälfte aus dem Etat der EU und der Europäischen Raumfahrtagentur ESA. Die eigenen Satelliten aus Kostengründen auch für Kommunikation zu verwenden, hält Stamerjohanns für denkbar. Über eine militärische Nutzung aber will der Wahl-Münchner bisher nicht reden. Viel entgegenzusetzen hätte er dem allerdings nicht - der Rüstungs- und Raumfahrtkonzern EADS ist einer der wichtigsten Anteilseigner und hat einen militärischen Anteil bereits angemahnt.</P><P>Der Standort München gilt weltweit als einer der Schwerpunkte der Luft- und Raumfahrtindustrie. 25 000 Beschäftigte erwirtschaften hier 4,3 Milliarden Euro Umsatz. Galileo soll nun Folge-Effekte bringen. Einige Satelliten-Teile werden im Großraum gebaut, außerdem wird das System hier getestet. Noch dazu will Wirtschaftsminister Otto Wiesheu die Betreibergesellschaft des Satellitensystems nach Bayern holen. "Das wird eine große Firma sein", prophezeit auch Stamerjohanns. München könne dadurch der "Gravitationsschwerpunkt" der Branche werden.</P><P>Auf Aufträge in laut Expertenschätzung zweistelliger Millionenhöhe hofft auch das Raumfahrt-Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen. Hier will man eines der bisher vorgesehenen zwei Kontrollzentren für die Mission einrichten. "Ein Galileo-Auftrag hätte enorme wirtschaftliche Bedeutung für uns", sagt Hubertus Wanke, Vize-Chef des Zentrums.</P><P>Wenn sie mal im Orbit sind, können die Satelliten unter anderem Maut eintreiben, Flugzeuge lenken, Daten senden. Die Lebensdauer liegt bei über 20 Jahren. Das Marktpotenzial der Galileo-Anwendungen ist laut EU-Schätzungen gigantisch: Bis 2015 sollen es bereits 270 Milliarden Euro sein.</P><P>Summen, von denen Galilei nur träumen konnte. Immerhin: Für die angebliche Erfindung des Fernrohrs wurde auf einen Schlag sein Professorengehalt verdoppelt.<BR></P>

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