Preisauftrieb: Volkswirte sehen den Gipfel erreicht

München - Die Preise im deutschen Großhandel sind im Juli so stark gestiegen wie seit über 20 Jahren nicht mehr. Fachleute erwarten, dass die Teuerung damit ihre Spitze erreicht hat. Sinkende Preise für Öl und Getreide könnten die Lage entspannen.

Der rasante Preisauftrieb im Großhandel ist auch im Juli nicht abgeklungen. Die Waren verteuerten sich im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast zehn Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. So stark kletterten sie seit November 1981 nicht mehr. Ursache dafür war einmal mehr die rasante Teuerung für Energie und Brennstoffe, aber auch der Anstieg bei Stahl, Getreide und Lebensmitteln wirkte sich in der Statistik aus.

Großhandelspreise sind etwas anderes als Verbraucherpreise. Dennoch betreffen die Trends im Großhandel auch die Konsumenten: Die Einzelhändler versuchen, höhere Ausgaben beim Einkauf durch höhere Verkaufspreise zumindest teilweise an ihre Kunden weiterzugeben. Insofern erwarten Fachleute mittelfristig weiteren Preisdruck an den Kassen von Supermärkten und Kaufhäusern.

Einen Vorgeschmack lieferten zuletzt mehrere Konsumgüterhersteller. So verkündete Beiersdorf vergangene Woche mit Verweis auf die Rohstoffkosten, dass "Nivea", "Tesa" und andere Produkte ab kommendem Jahr teurer werden sollen. Einen Tag später zog der Henkel-Konzern ("Persil", "Pritt") nach und kündigte Preiserhöhungen von fünf bis zehn Prozent für Waschmittel, Klebstoffe und Kosmetikprodukte an. Auch der europäische Marktführer bei Hausgeräten, Bosch Siemens Hausgeräte, will seine Preise erhöhen. Der weltweit größte Lebensmittelhersteller, der Schweizer Nestlé-Konzern ("Maggi", "Schöller"), hatte bereits in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres kräftig an der Preisschraube gedreht.

Dennoch zeichnen sich an der Preisfront auch Signale der Entspannung ab. So hat der Ölpreis seit seinem Rekordhoch Mitte Juli bei weit über 140 Dollar eine steile Talfahrt hingelegt und notierte zuletzt 30 Dollar (20 Prozent) niedriger. "Wenn das so bleibt, wird die Preisentwicklung im August um einiges freundlicher sein", sagt Matthias Rubisch, Konjunkturexperte der Commerzbank in Frankfurt.

In den vergangenen Monaten war der begehrte zähflüssige Rohstoff, der zu Jahresbeginn noch für 100 Dollar pro Fass verkauft wurde, einer der wesentlichen globalen Preistreiber. Ein anderer war Getreide. Doch auch hier haben sich die Preise an den Warenbörsen zuletzt sichtlich entspannt. Volkswirte gehen deshalb davon aus, dass die Inflation ihren Gipfel erreicht hat.

"Wir sehen momentan eine Spitze bei der Teuerung, der enorme Druck lässt nach", sagt Klaus Abberger vom Münchner Ifo-Institut. Auch Commerzbank-Mann Matthias Rubisch sieht einen Höhepunkt, zumal demnächst mit einem "positiven Basiseffekt" zu rechnen sei: Da die Teuerung im Herbst 2007 rasant angezogen hatte, müssten die Raten in den kommenden Monaten niedriger ausfallen.

Allerdings rechnet keiner der beiden Volkswirte damit, dass die Preise in absehbarer Zeit spürbar nachlassen. Eine Ausnahme sind Produkte der Unterhaltungselektronik: Wie der Branchenverband Bitkom am Montag mitteilte, sind die Preise von Flachbildfernsehern und Röhrengeräten in den vergangenen Jahren um jeweils rund ein Drittel gefallen.

Der Durchschnitt der Analysten und Wirtschaftsforscher geht davon aus, dass sich der Verbraucherpreisindex im Verlauf diesen Jahres um durchschnittlich 3,1 Prozent erhöhen wird. Im Juli lag der Anstieg noch bei 3,3 Prozent. Für das kommende Jahr wird derzeit ein Plus von etwas über zwei Prozent erwartet. Dies entspricht nicht mehr ganz dem Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB), die sich in ihren Statuten eine Zielmarke von nahe bei, aber unter zwei Prozent gesetzt hat.

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