Preisexplosion: Angst vor globaler Rezession

München/New York - Angesichts der Ölpreis-Rekorde erwartet das Bundesumweltministerium für dieses Jahr einen drastischen Anstieg der Gaspreise um bis zu 40 Prozent. Grund sei die Koppelung des Gaspreises an den Rohölpreis. Am Freitag schoss der Ölpreis um elf Dollar auf den Rekordwert von 139 Dollar. Die Energieminister der führenden Industrienationen befürchten bereits eine weltweite Rezession.

"Über die bereits bekannt gewordenen 25 Prozent hinaus kann es im Herbst noch einmal eine Erhöhung des Gaspreises um bis zu 40 Prozent geben", sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Umweltministerium, Michael Müller, der "Welt am Sonntag". Grund seien die Koppelung an den Ölpreis und spekulative Gewinne.

"Die Bundesregierung sollte prüfen, ob sie in Abstimmung mit der Europäischen Union eine Strategie zur Entkoppelung erarbeitet, damit es zu einer kostengerechten Preisentwicklung kommt, die spekulative Überhöhungen ausschließt", sagte der SPD-Politiker. Müller begleitet in der kommenden Woche Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) nach Russland. Dort wollen sie über Rohstoffpartnerschaften sprechen.

Kritik an der Entkoppelungs-Forderung kam von der FDP. Ein solcher Schritt könne zu einem "absoluten Preisdiktat" der Gasförderländer führen statt zu Aussicht auf mehr Wettbewerb, argumentierte die energiepolitische Sprecherin der FDP im Bundestag, Gudrun Kopp. Grund sei, dass es derzeit mit Russland, Kuwait und Iran nur drei große Erdgasproduzenten gebe, die eine "Gas-Opec" gründen könnten.

Auch der Energieexperte der SPD-Fraktion, Ulrich Kelber, befürchtet einen weiteren Anstieg des Gaspreises. Die Politik dürfe die Verbraucher mit den Auswirkungen nicht alleinlassen. Als Beispiele nannte Kelber Sozialtarife für Energie und eine Entfernungspauschale für Geringverdiener. "Vor allem aber müssen wir den Menschen helfen, ihren Energieverbrauch zu senken."

Der bisher größte Sprung der Ölpreise auf ein neues Rekordniveau schürt auch die Sorge um die Weltwirtschaft. Bei einem Treffen der Energieminister der sieben größten Industrienationen und Russlands (G8) wurden Warnungen vor einer globalen Rezession laut.

Alarmierend war vor allem der drastische Anstieg um rund elf Dollar ­ noch nie war Öl an einem Tag so viel teurer geworden. Die Investmentbank Morgan Stanley hält schon bald einen Preis von 150 Dollar je Barrel (159 Liter) für möglich.

Der japanische Wirtschaftsminister Akira Amari kritisierte am Sonntag bei dem G8-Treffen, der Ölpreis habe ein "anormales" Niveau erreicht. Sollte gegen die Lage nichts unternommen werden, "könnte dies eine Rezession der globalen Wirtschaft bewirken". Hohe Ölpreise schlagen ­ allein schon wegen der steigenden Transportkosten ­ auf alle Lebensbereiche durch.

Ausgelöst hatten den jüngsten Ölpreis-Schub mehrere Faktoren. Den Ausschlag gab zunächst der Anstieg des Euro. Nachdem der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, eine Zinserhöhung Anfang Juli nicht ausgeschlossen hatte, rauschte der Dollar bergab. Als Reaktion strömten die Investoren verstärkt in den Ölmarkt und die Preise, die in den vergangenen Tagen um fast zehn Prozent zurückgegangen waren, zogen erneut an. Dabei hatten zuletzt einige Marktexperten sogar schon ein baldiges Platzen der "Ölpreis-Blase" vorausgesagt.

Die führenden Öl importierenden Staaten Japan, USA, China, Indien und Südkorea ­ auf die fast die Hälfte des weltweiten Energieverbrauchs entfällt ­ forderten die Förderländer auf, mehr in die Öl- und Gasproduktion zu investieren.

Die Konzernchefs von BP, Shell, Chevron, Exxon-Mobil, Total und Conoco-Phillips verwiesen auf Selbstregulierungskräfte des Marktes, um die Preisspirale beim Erdöl zu stoppen. "Das ist keine Krise. Wir können auch weiterhin alle Forderungen des Marktes bedienen", sagte der Chef der Chevron-Gruppe, David O'Reilly, auf einem Internationalen Wirtschaftsforum. "Die alternativen Energien können die Probleme in den kommenden zehn Jahren nicht lösen", sagte BP-Chef Tony Hayward. Einhellig zeigten sich die Top-Manager überzeugt, dass vor 2020 nicht mit einer Trendwende zu rechnen sei.

Der drastische Anstieg der Ölpreise schickte auch die Aktienmärkte auf Talfahrt ­ und könnte in der neuen Woche für Nachbeben sorgen.

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