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Digitalisierung und Präsenz müssen sich nicht ausschließen: Die Commerzbank will die technologische Entwicklung mit starken Aktivitäten vor Ort verbinden.

Neue Prozesse

Von der Bank zum digitalen Technologieunternehmen

Die Commerzbank will die Digitalisierung nicht nur zur Steigerung der eigenen Effizienz nutzen, sondern daraus auch Vorteile für die Kunden generieren.

Online-Banking und Filialabbau müssen nicht die beiden Seiten der einen Medaille sein, die Digitalisierung heißt. Auf die technischen Neuerungen, die gerade die Bankenlandschaft umwälzen, reagieren einige Institute mit einem Rückzug aus der physischen Präsenz. Die Commerzbank sucht nach anderen Wegen, die Digitalisierung fürs eigene Haus und für die Kundschaft gleichermaßen sinnvoll zu nutzen. Das Leitmotto dazu klingt zunächst überraschend: „Wir wollen ein digitales Technologieunternehmen werden“, beschreibt Stefan Geib, Niederlassungsleiter München-Süd und Mitglied der Geschäftsleitung Privat- und Unternehmerkunden Süd der Commerzbank, den Weg, dessen Sinn sich beim näheren Betrachten sehr wohl erschließt.

Die für Kunden am deutlichsten spürbare Neuerung dürfte die Plattform „One“ sein, die für Teilbereiche bereits läuft. Sie wird zu allen Dienstleistungen von der Kontoeröffnung über Kontostandsabfragen und Überweisungen bis zu Wertpapiergeschäften einen einheitlichen Zugang bieten – und dies über alle Kanäle hinweg. Der Kunde kann per Smartphone und Computer darauf zugreifen, ebenso im Kundengespräch gemeinsam mit dem Berater, der dann alle Informationen ebenfalls auf dem Computer in der Filiale sieht. Gleiches funktioniert beim Gespräch mit dem Call Center.

„Damit laufen alle Arbeiten für die Bank und für den Kunden effizienter und schneller“, beschreibt Geib den Vorteil. Das gilt auch für die digitalen Ratenkredite: Die sind in kurzer Zeit bewilligt, wenn der Kunde Konten bei anderen Banken per App für die Sachbearbeiter der Commerzbank freischaltet und diese dann schnell prüfen und entscheiden können.

Einen Filialabbau soll es durch diese Digitalisierungsschritte aber nicht geben, betont Geib. „Wir wollen die technologische Entwicklung mit der Präsenz in der Fläche verbinden.“ Die Commerzbank unterhält rund 1000 Filialen in Deutschland, darunter mehr als 150 in Bayern und gut 50 im Großraum München. Wegen Marktveränderungen könne es zu Anpassungen an einzelnen Standorten kommen, sagt Geib. Vor allem sollen die Filialen den Kundenbedürfnissen und den neuen technischen Möglichkeiten angepasst werden. So wurde die „City-Filiale“ als neues Filialmodell eingeführt, zum Beispiel in Ladenlokalen in guter Lage. „Dies ist Teil unseres Wachstumsziels“, erklärt Geib. Die Bank wolle den Zugang zu den Kunden pflegen und dadurch auch neue Interessenten finden. Klassische Filialen werde es als Flagship-Stores aber auch weiterhin geben.

Dies alles sind Wege zu einer digitalisierten Bank – diese wäre so aber noch kein Technologieunternehmen. Auf den Weg dorthin führen noch ganz andere Engagements, die Geib erwähnt, zum Beispiel der „Digital Campus“, den die Commerzbank in Frankfurt betreibt. Hier sind inzwischen 1300 Mitarbeiter tätig, die zum Teil für einige Zeit aus Regionen, Abteilungen und Filialen kommen und in sogenannten „Journeys“ zusammen mit Experten aus anderen Branchen sowie Technologieunternehmen neue Dinge entwickeln. Heraus kommen dann durchaus auch für die Bank relevante Neuerungen, zum Beispiel die erwähnte digitale Ratenkredit-Plattform. Die Fintech-Szene hat die Bank ebenfalls im Blick. Um neue technologische Finanzdienstleister mit innovativen Ideen zu finden und zu fördern, hat die Bank den „Main Incubator“ gegründet. Die Tochtergesellschaft begleitet Neugründungen, hilft ihnen, den Marktzugang zu finden, kauft auch interessante Start-ups oder vermittelt Kontakte zu Investoren.

Für die Bankkunden relevant ist wiederum eine technische Weiterentwicklung in der Datenverarbeitung. Bankmitarbeiter haben künftig tagesaktuell alle Informationen aus den Aktivitäten ihrer Kunden im Bankgeschäft – ob mobil oder in der Filiale – auf dem Tisch und können sie gezielt ansprechen, ihnen eine „bedarfsgerechte Beratung“ bieten, wie Geib betont.

Da all diese Prozesse zum Teil bereits laufen, sieht der Niederlassungsleiter die Bank auch gut vorbereitet auf neue Regulierungsvorschriften, die unter dem Stichwort MiFID II bekannt sind. Schon jetzt sorgen die Depotangebote für Transparenz, zum Beispiel das „Premiumdepot“. Im vor drei Jahren eingeführten Modell für Anleger werden mit einer Einmalgebühr alle Kosten abgegolten. „Kunden müssen also keine Sorge haben, dass Berater ihnen Änderungen im Depot vorschlagen, um dadurch Provisionen zu generieren“, sagt Geib.

Neu dazugekommen ist jetzt das „Premium- Fondsdepot“. Es gewährt Zugang zu 100 votierten Fonds, die der Anleger frei nach Wahl aussuchen und täglich handeln kann. Auch hier gibt es eine Festgebühr von 0,9 Prozent im Jahr, mindestens 90 Euro im Quartal. Dafür sind alle Fonds ohne Ausgabeaufschlag erhältlich. Die klassische Vermögensverwaltung hat die Bank darüber hinaus ebenfalls weiterhin im Angebot.

Mit ihrem Konzept trifft die Bank offenbar den Bedarf: „Die Commerzbank wächst gegen den Trend“, sagt Geib. Allein seit Jahresbeginn seien in Deutschland 500.000 Kunden neu dazugekommen.

Von Jürgen Grosche

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