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Regulierung bedeutet laut der Experten auch: Für die Kunden wird es immer weniger Angebote geben, Dienstleistungen werden teurer.

Regulierung

Branchenvertreter warnen vor Nachteilen für Anleger

Gut gemeint kann das Gegenteil von gut bedeuten. Das befürchten Vertreter führender Privatbanken bei der Umsetzung von Regulierungsvorschriften in nationales Recht. Anleger müssten damit rechnen, weniger Angebote zu bekommen.

Die Bankenregulierung und ihre Folgen für die Institute wie auch die Anleger beschäftigen die Vertreter der Häuser derzeit sehr, wie ihre Diskussion beim vierten Finanzforum „Privatbanken“ von Münchner Merkur tz zeigt. Die Ausführungen des CSUBundestagsabgeordneten Alexander Radwan zur Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente MiFID II und andere neue Vorgaben veranlassen jedenfalls die Diskussionsteilnehmer zu einigen Anmerkungen und Nachfragen. So machen die Finanzexperten einen Trend in Deutschland aus, die Umsetzung internationaler Regelwerke „überzuerfüllen“, wie es Martin Huber (Deutsche Bank) formuliert. Als Beispiel nennt er eine Vorgabe beim Telefonbanking. Das muss künftig aufgezeichnet werden. Private Teile dürfen aber nicht aufs Band. „Wie sollen wir diese Trennung im Beratungsgespräch klarmachen?“, fragt Stefan Geib (Commerzbank). Sein Haus trainiert wie auch die Deutsche Bank und andere Häuser bereits jetzt schon die Mitarbeiter auf solche Fälle.

„Der Kunde muss der Aufzeichnung des Gesprächs zustimmen. Wenn er das nicht tut, dürfen wir das Geschäft nicht ausführen“, nennt Andrea Wutscher (Bankhaus Lampe) eine Konsequenz der Regulierungsvorgabe. Dass die Regeln dem Anlegerschutz dienen nimmt der Kunden nicht immer wahr, sagt sie mit Verweis aufs Beratungsprotokoll: „Ich merke immer öfter, dass die Kunden dies nur noch als Papierflut empfinden.“ Dr. Hubert-Ralph Schmitt (Bank Schilling) sieht noch eine weitere Gefahr: „Es geht hier auch um Datenschutz.“ Andere Branchenvertreter bezweifeln ebenfalls viele Umsetzungs-Modalitäten der Regulierung, die zum Beispiel von der Europäischen Union ausgeht. „Wir schimpfen oft auf Brüssel, aber in der Umsetzung sind wir die Schärfsten von allen“, beklagt Michael Krume (Merck Finck). Die Bankengruppe KBL European Private Bankers, zu der Merck Finck gehört, müsse sich in zahlreichen Konsultationen im Jahr mit dem Thema befassen. „Wir müssen einmal die Sinnhaftigkeit all dessen hinterfragen“, sagt Krume.

Dass Deutschland in vielem Vorreiter bei der Gesetzgebung sei, findet Silke Wolf (Bayerischer Bankenverband) dabei noch akzeptabel. „Wir müssten das aber auch bei der Abschaffung von Überregulierung sein“, fordert die Geschäftsführerin des Branchenverbandes.

Den Sinn neuer Vorgaben hinterfragen viele Bankenvertreter, zum Beispiel Stefan Vollherbst (Oddo BHF): „MiFID II führt weder zu mehr noch zu besserer Beratung der Anleger.“ Er befürchtet im Gegenteil, dass „ganze Gruppen von der Beratung ausgeschlossen werden“.

Damit steht Vollherbst nicht allein: „Der normale Privatkunde wird keine Beratung mehr bekommen“, warnt Christian Janas (UBS). „Anlageberatung wird einem großen Teil der Bevölkerung nicht mehr angeboten werden“, prognostiziert auch Thomas Jäger (Hauck & Aufhäuser). Jürgen Wörl (Julius Bär) sieht durch MiFID II „deutliche Mehrkosten“ auf die Banken zukommen, was zu einem höheren Margendruck führe. Folge: „Manche Dienstleistungen können nicht mehr jedem Kunden angeboten werden; die Einstiegshürden in der Branche steigen. Wichtig ist jedoch trotz Regulierung das Kundeninteresse im Vordergrund unseres Handelns zu garantieren.“ Eine Sorge, die Martin Huber teilt: „Für die Kunden wird es immer weniger Angebote geben, Dienstleistungen werden teurer.“ Als Beispiel nennt Stefan Geib die Altersvorsorge über Aktiensparen. „Die Akzeptanz im Markt wird noch schwieriger, wenn alles so reguliert wird.“

Dass Deutschland bei alledem „immer noch eins draufsattelt“, beobachtet Martin Schießwohl (HypoVereinsbank) ebenso wie seine Branchenkollegen zuvor – insbesondere durch den Vergleich im eigenen Haus. Die Bank gehört zur internationalen UniCredit-Gruppe. In Österreich oder Italien werde das Thema in vielem anders behandelt. „Ich muss mich derzeit viel um die Regulierung kümmern“, berichtet Dr. Marcus Lingel (Merkur Bank) aus dem Arbeitsalltag, „ich würde mich gerne mehr dem Kerngeschäft widmen.“ Die Regulierung werde dazu führen, dass die Banken sich absichern und Kunden blind die Formulare unterschreiben. „Wer wird denn da geschützt?“ Lingel fordert daher eine „Zeitenwende“ mit Blick auf die gesamte Branche: „Wir sollten jetzt schauen: Wo wollen wir in fünf Jahren sein?“

Der Politiker Alexander Radwan, an den sich viele der Anmerkungen richten, nutzt die Gelegenheit, seinen Standpunkt zu erklären. Es gebe politische Stimmen, die sagen, dass es gut sei, wenn die Anleger weniger Produkte zur Auswahl hätten. Zudem gebe es in anderen Ländern die Wahrnehmung, dort werde die Regulierung am radikalsten umgesetzt. Zum Thema Aufzeichnungspflicht von Gesprächen macht Radwan den Vorschlag, sich die ersten Erfahrungen damit genau anzuschauen und die Ergebnisse in den Bundestag und das Europaparlament zu tragen. Schon häufiger seien Regulierungen und ihre Umsetzungen gut gemeint, aber falsch umgesetzt worden. Dann müsse man nachsteuern. Doch auch an die Branche richtet der Politiker eine Forderung: „Ich vermisse immer wieder Vorschläge, wie denn ein guter Verbraucherschutz etabliert werden kann.“

Hier könne die Branche liefern. Forumsteilnehmer nutzen gleich die Gelegenheit: „Gesprächsaufzeichnung und Beratungsprotokoll verdoppeln den Aufwand nur – warum nimmt man nicht das eine oder das andere statt beides?“, fragt Hubert Weigand (Deutsche Bank). Und Christian Janas schlägt vor, die Themen Unterstützung des Aktiensparens und die Immobilienförderung „so schnell wie möglich in die Politik zu tragen“.

Was ist MiFID II?

MiFID II ist das allgemein gebräuchliche Kürzel für die Überarbeitung der 2007 verabschiedeten Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (2004/39/ EG), die gemeinhin als MiFID I (Markets in Financial Instruments Directive) bekannt ist. Die neue Richtlinie (2014/65/ EU) und die dazugehörige Verordnung über Märkte für Finanzinstrumente werden am 3. Januar 2018 wirksam. Insbesondere zielt MiFID II laut der Deutschen Börse in Frankfurt unter anderem darauf ab, durch die Einführung von Vor- und Nachhandelstransparenzanforderungen für Nichteigenkapitalinstrumente mehr Transparenz zu erzielen sowie die bestehenden Transparenzanforderungen für den Aktienhandel zu stärken und zu erweitern, den Anlegerschutz durch ein Annahmeverbot für Provisionen, den Schutz unabhängiger Beratung, die Einführung neuer Vorschriften zur Produktüberwachung etc. und die paneuropäische regulatorische Aufsicht und die Kooperation zwischen den zuständigen nationalen Behörden zu stärken. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

Von Jürgen Grosche

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