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Bittere Medizin für Privatversicherte: Gerade bei den Billig-Angeboten gibt es kräftige Beitragssprünge.

Private Krankenversicherung: So entkommen sie dem Preissprung

Millionen Privatversicherte müssen 2012 höhere Krankenkassenbeiträge zahlen. Besonders trifft es Kunden von „Einsteiger“-Tarifen. Wie man dem Prämiensprung entkommen kann, zeigt ein Überblick.

Für Walter S. (Name geändert) war es ein Schock: Der Rentner aus München zahlte bisher rund 120 Euro im Monat für seine private Krankenversicherung. Kürzlich teilte ihm seine Versicherung mit, dass ab Januar monatlich 230 Euro fällig sind. Zugleich stieg der Selbstbehalt von 800 auf 1000 Euro im Jahr. „Insgesamt ergibt sich daraus eine Anhebung von mehr als 100 Prozent“, klagt Walter S.

Die Beitragsexplosion trifft vor allem Versicherte mit „Einsteiger“-Tarifen. Viele Konzerne haben mit Billig-Angeboten versucht, neue Kunden zu gewinnen. Die Tarife sind äußerst knapp kalkuliert und bieten in der Regel sogar weniger Leistungen als die gesetzliche Krankenversicherung. Inzwischen rücken immer mehr Versicherer von den „Einsteiger“-Tarifen ab. Der Grund: Viele Versicherte können sich die Prämien nicht mehr leisten. Die anderen Kunden im Tarif müssen dann für die Ausfälle mitbezahlen. „Mit den Billig-Tarifen wurden Kunden angelockt, die sich eine private Krankenversicherung eigentlich nicht leisten können“, sagt Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Im Vergleich zu den rasanten Beitragssprüngen bei den „Einsteiger“-Tarifen fällt die Anhebung in den anderen Tarifgruppen geradezu moderat aus. Den höchsten Anstieg gibt es bei der Central mit durchschnittlich 12,9 Prozent. Bei der größten privaten Krankenversicherung Debeka müssen die Kunden im Schnitt 3,6 Prozent mehr zahlen. Dies gilt allerdings nur für Beamtentarife. Bei den Angestellten bleiben die Prämien konstant. Bei der Allianz beträgt das Plus im Schnitt vier Prozent. Die DKV erhöht die Tarife um durchschnittlich 2,2 Prozent.

Auch die privaten Krankenversicherungen leiden unter den steigenden Kosten im Gesundheitswesen. Kostentreiber waren 2010 vor allem die Ausgaben für Krankenhäuser (plus 8,1 Prozent) und Zahnersatz (plus 7,4 Prozent). Die Kosten für Arzneimittel kletterten um 3,2 Prozent. Bei der Anpassung der Beiträge haben die Versicherungen wenig Spielraum. Das Gesetz schreibe vor, dass die Beiträge neu kalkuliert werden müssten, „wenn die tatsächlichen Ausgaben in einem Jahr um mehr als zehn Prozent von den prognostizierten Ausgaben abweichen“, sagt Jens Wegner vom Verband der Privaten Krankenversicherung. Grundsätzlich muss jede Beitragserhöhung von einem Treuhänder abgesegnet werden.

Wer in den letzten Wochen eine Beitragsanhebung bekommen hat, sollte sich zunächst bei seinem Anbieter über einen Tarifwechsel informieren. Oftmals lässt sich dadurch Geld sparen. „Jeder Versicherte hat das Recht, in einen anderen Tarif seiner Versicherung zu wechseln“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten (BdV). Die Assekuranz darf dafür auch keinen Aufschlag berechnen.

Vor einem Tarifwechsel sollten die Versicherten allerdings genau die Leistungen vergleichen. „Manchmal enthält der neue Tarif eine höhere Selbstbeteiligung“, warnt Boss. Selbst bei einer niedrigen monatlichen Prämie könnten dann – auf das ganze Jahr betrachtet – Mehrkosten auf den Versicherten zukommen. Auch ein Wechsel in einen Tarif mit höheren Leistungen könne sich lohnen, so Boss. Allerdings ist für die zusätzlichen Leistungen eine Gesundheitsprüfung nötig. Um die Untersuchung beim Arzt zu vermeiden, könne ein Ausschluss für diese Leistungen vereinbart werden.

Seit 2009 müssen die Privatkassen auch den sogenannten Basistarif anbieten. Er orientiert sich an den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und darf den GKV-Höchstbetrag – derzeit rund 575 Euro – nicht überschreiten. Der Basistarif steht allen Versicherten über 55 Jahren offen. Auch wer nach dem 1. Januar 2009 in die Privatversicherung gewechselt ist, kann den Tarif nutzen. Der Basistarif hat allerdings einen schlechten Ruf – er gilt als zu teuer.

Wer mehr als zehn Jahre privatversichert und über 55 Jahre alt ist, kann sich für den sogenannten Standardtarif entscheiden. Für Rentner im Vorruhestand gilt die Altersgrenze nicht. Der Standardtarif lohnt sich vor allem für Ehepaare, die beide PKV-Mitglied sind. Denn der Gesamtbetrag ist auf 150 Prozent des GKV-Höchstsatzes begrenzt.

Auch wenn jedem Versicherten ein Tarifwechsel zusteht – in der Praxis ist dies nicht immer ganz einfach. Viele Gesellschaften würden entsprechende Anträge auf die lange Bank schieben, sagt Boss vom Bund der Versicherten. Sie empfiehlt daher, schriftlich die Versicherung aufzufordern, einen günstigeren Tarif vorzuschlagen. Bei Problemen sollten sich die Kunden an den Ombudsmann für die private Krankenversicherung wenden. (Ombudsmann Private Kranken- und Pflegeversicherung, Postfach 06 02 22, 10 052 Berlin oder www.pkv-ombudsmann.de)

Grundsätzlich kann auch der Wechsel zu einem anderen Anbieter sinnvoll sein. Für langjährig Versicherte lohnt sich dies in der Regel aber nicht, weil sie ihre Altersrückstellungen nicht mitnehmen dürfen. Bei einem Tarifumstieg innerhalb eines Versicherers bleiben die Rückstellungen dagegen erhalten. Wer erst seit dem 1. Januar 2009 privat versichert ist, kann zumindest einen Teil der Rückstellungen fürs Alter mitnehmen.

Von Steffen Habit

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