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Die Deutschen verfügen statistisch gesehen über mehr Geldvermögen als je zuvor. Foto: Patrick Pleul

Gestiegene Börsenkurse

Trotz Mini-Zins: Deutsche so reich wie nie

Frankfurt/Main - Das Zinstief macht Sparern in Deutschland zu schaffen. Dennoch steigt das Geldvermögen der Privathaushalte auf einen Rekordwert. Vor allem Aktien und Fonds zahlen sich aus.

Die Menschen in Deutschland besitzen trotz des Zinstiefs so viel Geldvermögen wie nie zuvor.

Nach Angaben der Deutschen Bundesbank stieg das Vermögen der privaten Haushalte in Form von Bargeld, Wertpapieren, Bankeinlagen sowie Ansprüchen an Versicherungen Ende vergangenen Jahres auf den Rekordwert von 5586 Milliarden Euro. 

Das deutliche Plus von 98 Milliarden Euro beziehungsweise 1,8 Prozent erklärte die Notenbank vor allem mit gestiegenen Börsenkursen. Allein gut 53 Milliarden Euro resultierten danach aus Bewertungsgewinnen, insbesondere bei Aktien und Anteilen an Investmentfonds.

Das sind die Gründe für den Anstieg

"Auch im Jahresverlauf trugen die Bewertungsänderungen bei Aktien und Investmentfondsanteilen insgesamt positiv zum Anstieg des Geldvermögens bei", erklärte die Notenbank.

Dank des robusten Arbeitsmarktes und steigender Reallöhne konnten viele Menschen auch mehr auf die hohe Kante legen. Unter dem Strich flossen rund 45 Milliarden Euro in Bargeld und Sichteinlagen, zu denen Girokonten und Tagesgeldkonten zählen. Es war den Angaben zufolge der zweithöchste Wert seit dem Jahr 1999. Nahezu unverändert blieben Spareinlagen, obwohl sie in der Zinsflaute kaum noch etwas abwerfen.

In Versicherungen und Pensionseinrichtungen, die ähnlich wie Bankeinlagen als risikoarm gelten, investierten die Bundesbürger im vierten Quartal knapp 20 Milliarden Euro. Der Zuwachs entsprach etwa dem Vorjahreswert. Insgesamt stecken 2113 Milliarden Euro in Versicherungen und Altersvorsorgesystemen.

Privathaushalte halten sich an der Börse zurück

An den Kapitalmärkten hielten sich die eher als börsenscheu geltenden Deutschen verglichen mit den Vorquartalen dagegen zurück. Unter dem Strich trennten sie sich in den letzten drei Monaten 2016 von Aktien und sonstigen Anteilsscheinen im Wert von fast 1 Milliarde Euro. Das traf vor allem inländische Unternehmen.

In Investmentfonds steckten die Privathaushalte hingegen gut 5 Milliarden Euro. Beliebt waren vor allem Aktienfonds und gemischte Wertpapierfonds.

Zugleich nutzten die Bundesbürger die niedrigen Zinsen, um sich günstig Kredite zu verschaffen - vor allem für den Wohnungsbau. Die gesamten Verbindlichkeiten der privaten Haushalte stiegen um 0,5 Prozent auf 1671 Milliarden Euro. Unter dem Strich erhöhte sich das Nettogeldvermögen damit um 2,3 Prozent auf 3915 Milliarden Euro.

Immobilien oder Kunstwerke sind in der Statistik nicht enthalten. Auch wie das Vermögen verteilt ist, geht aus der Studie nicht hervor.

Fragen & Antworten: Warum es sich lohnt zu investieren

Die Deutschen parken hunderte Millionen Euro auf Sparkonten, obwohl es dafür längst keine Zinsen mehr gibt. Ihr Geldvermögen vermehrt sich gleichwohl stetig und hat nun den Rekordstand von rund 5586 Milliarden Euro erreicht. Vor allem Aktien und Fonds zahlen sich aus.

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2200 Milliarden Euro. Weitere 2113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt - wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. „Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können“, meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 „größten Kapitalvernichter“ zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, „die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten“, wie Tüngler erläutert.

Was ist mit Immobilien?

Niedrigzinsen und der Mangel an Anlage-Alternativen heizen die Nachfrage nach Wohnungen und Häusern an. Das treibt vor allem in Ballungszentren die Preise in die Höhe. Überdurchschnittlich hoch war der Anstieg im vergangenen Jahr nach Angaben der Bundesbank einmal mehr in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart. Hält der Boom an, könnten die Immobilienpreise weiter steigen und damit auch die Rendite. Doch die Notenbank beobachtet die Entwicklung mit Sorge: Die Anstiege seien mit wirtschaftlichen Faktoren allein nicht mehr zu erklären. In ihrer Geldvermögensstudie berücksichtigt die Bundesbank Immobilien allerdings nicht.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. „Die untere Hälfte nur ein Prozent“, erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. „Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre“, so die Ministerin.

dpa

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