ProSiebenSat.1 kommt nicht zur Ruhe

- München/Berlin - Gut eineinhalb Jahre nach der Aufsehen erregenden Übernahme von ProSiebenSat.1 durch den US-Milliardär Haim Saban zeichnet sich möglicherweise ein neuer Wechsel der Besitzverhältnisse ab. Branchenkreise sagen der Axel Springer AG großes Interesse an einer Aufstockung ihrer Beteiligung oder sogar einer Mehrheitsübernahme an Deutschlands größtem TV-Konzern nach. Zwar halten sich die Beteiligten derzeit noch bedeckt.

Springer-Sprecherin Edda Fels sagte: "Diese Spekulationen kommentieren wir nicht." Aus Expertensicht würde ein solches Geschäft aber durchaus Sinn machen. "Ich denke, dass Springer schon klar gemacht hat, dass sie mehr als interessiert sind", sagt ein Branchenkenner.<BR><BR>Seit dem Zuschlag für eine Mehrheitsübernahme für eine Investorengruppe um Saban im August 2003 sind die Spekulationen, wann sich der Geschäftsmann wieder aus dem Engagement verabschieden könnte, nie ganz zum Erliegen gekommen. Dafür spricht schon die Tatsache, dass bei der Übernahme Private-Equity-Firmen im Boot waren. "Ich glaube, dass sich diese Investoren so langsam wieder verabschieden wollen", sagt der Medien-Analyst Thomas Grillenberger von der Bayerischen Landesbank.<BR><BR>Finanziell würde sich ein baldiger Ausstieg wohl lohnen. So hat sich der Aktienkurs des Unternehmens seit der Übernahme gut verdoppelt, ein Verkauf würde voraussichtlich mehrere hundert Millionen Euro in die Kassen Sabans und der Investoren spülen. Vorsorglich hat sich der US-Milliardär dem Vernehmen nach für das Geschäft schon einmal grünes Licht aus Gläubigerkreisen geholt.<BR><BR>Eine laut Medienberichten geplante Abstandszahlung von 15 Millionen Euro, mit der sich Saban und die Investoren vorzeitig aus dem Übernahmevertrag herauskaufen wollten, sei bei einer Telefonkonferenz vom Gläubigerausschuss "zustimmend zur Kenntnis genommen worden", heißt es in Branchenkreisen. Hintergrund ist eine Vertragsklausel, wonach Saban und die Investoren nach unterschiedlichen Angaben in Medienberichten bis zu 85 Prozent des Mehrerlöses an den ursprünglichen Verkäufer - den Insolvenzverwalter der zusammengebrochenen KirchMedia - abführen müssten, falls sie ihre Anteile vor Ablauf einer Frist von zwei Jahren veräußern.<BR><BR>Für einen künftig größeren Einfluss Springers bei ProSiebenSat.1 spreche beispielsweise die Berufung von Springer-Vorstand Hubertus Meyer-Burckhardt in das ProSiebenSat.1-Management vor etwa einem Jahr, heißt es in der Branche. Bei dem TV-Konzern verantwortet er das Ressort Corporate Development. "Das hat schon gezeigt, dass man die Kooperation mit Springer intensivieren will", heißt es.<BR><BR>Dem Medienkonzern Springer, der zurzeit auf eine Beteiligung von 11,8 Prozent am Stammkapital von ProSiebenSat.1 kommt, böten sich bei einem größeren Einstieg neue Geschäftschancen. "Grundsätzlich erscheint es verlockend, die Medienlandschaft in Deutschland zu dominieren. Außerdem könnte man gemeinsame Werbeangebote entwickeln für Print und TV, oder auch im Nachrichtenbereich kooperieren", sagt Grillenberger.<BR>Andere Branchenbeobachter haben allerdings ihre Zweifel, ob Springer eine Mehrheitsübernahme, deren Volumen in einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" auf 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro beziffert wurde, tatsächlich stemmen will. "Friede Springer nimmt nicht gerne Geld in die Hand", heißt es.<BR><BR>Aus Sicht der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) könnte ein größerer Einstieg von Springer positiven Einfluss auf den TV-Konzern haben. "Ich würde das für eine Bereicherung für das Unternehmen halten, auch publizistischer Hinsicht", sagt BLMPräsident Wolf-Dieter Ring. Er ist allerdings überzeugt davon, dass Saban keinen Komplett-Rückzug bei ProSiebenSat.1 plant. Zwar seien Finanzinvestoren wie die in Sabans Umfeld an einem lukrativen Ausstieg interessiert. "Mein Wissen ist aber: Saban will dabei bleiben, dann ist der Spielraum für Beteiligungsveränderungen begrenzt", sagt Ring.<BR><BR>Skeptischer zeigen sich Branchenbeobachter. Die Beteuerungen Sabans für ein langfristiges Engagement seien stets anzuzweifeln gewesen, heißt es. Saban sei vor allem ein knallhart kalkulierender Geschäftsmann. Wenn er seine Chance wittere, dann nutze er sie üblicherweise auch.

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