Prost in der Nische: Wie sich Bayerns Brauer behaupten wollen

- München - "Die Bayern sind ein derbes, aber gemütliches Volk, sie ließen eher Holz auf sich spalten, als dass sie zu einem Aufstand zu bringen wären", schrieb eine französische Zeitung im 19. Jahrhundert. "Aber man nehme oder verkümmere ihnen ihr Bier, und sie werden wilder revoltieren als irgendein anderes Volk." Es war keine Revolution, als hunderte Brauer aus ganz Bayern im Jahr 1880 nach München zogen, um ein gemeinsames Papier zu unterzeichnen. Es war die Gründung einer der traditionsreichsten Lobby-Vereinigungen der Welt: des Bayerischen Brauerbundes. Der feiert am kommenden Freitag sein 125-jähriges Bestehen. Und sieht sich heute so stark gefordert wie selten zuvor.

Die Steuer-Gier des Staates hatte das Fass einst zum Überlaufen gebracht. Weil Haushaltslöcher mit höheren Abgaben für den Malz gefüllt werden sollten, rief Georg Pschorr zur Gründung des Brauerbundes auf. Als Motto formulierte man: "Durch Zwietracht wird man große Dinge los. Durch Eintracht macht man kleine Dinge groß." Doch offenbar war die Eintracht staatlicher Steuereintreiber immer am größten. Der erste Präsident Johann Sedlmayr konnte das staatliche Abzapfen nicht verhindern. Und mit Michael Weiß kämpft heute der 20. Präsident des Bayerischen Brauerbundes gegen den immer festeren Zugriff des Staates auf den Zapfhahn. Zurzeit läuft eine Verfassungsbeschwerde gegen eine Änderung der Biersteuermengenstaffel, die kleinere Brauer seit vergangenem Jahr stärker belastet. Und das in einem Markt, der keine Schwäche erlaubt.Zwar wird heute in Bayern mit gut 23 Millionen Hektolitern fast doppelt so viel Bier produziert wie 1880. Doch der Konkurrenzkampf ist härter geworden. Als die Gerste nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr nur für lebensnotwendige Zwecke, sondern auch für lebensfrohe verarbeitet werden durfte und die Wirtschaftswunder-Jahre anbrachen, erlebte der Biermarkt seine Boomzeit. "Da leistete man sich etwas", schwärmt Lothar Ebbertz, Hauptgeschäftsführer des Brauerbundes. "Man gönnte sich ein Bier." Oder auch ein paar mehr. Trank jeder Deutsche 1950 im Schnitt gut 35 Liter Bier im Jahr, waren es Mitte der 70er-Jahre rund 150 Liter. Doch seit 1976 lässt der Durst nach im derzeit drittgrößten Biermarkt der Welt. Wer nicht auf dem Feld arbeitet, sondern im Büro, trinkt mittags kein Helles. Und wer nicht zum Kegel- oder Schafkopfabend geht, sondern in die Pizzeria, bestellt Wein statt Weißbier. Der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch von Bier liegt inzwischen unter 120 Litern im Jahr. "Es ist keine Frage der Beliebtheit des Getränks, sondern des Konsumverhaltens", urteilt Ebbertz.Die Deutsche Wiedervereinigung ließ bayerisches Bier gen Osten sprudeln und löste eine kurze Sonderkonjunktur aus. Doch seither schlägt der demographische Faktor ungedämpft zu. Die Biertrinker werden weniger. Gleichzeitig drängen internationale Großkonzerne mit immenser Einkaufsmacht ins Land. Und deutsche Bierriesen - an erster Stelle Oettinger als meistgetrunkene Marke des Landes - drücken mit Massenprodukten die Preise. Für die meisten - mittelständisch geprägten - bayerischen Brauer bleibt da nur Platz in der Nische. Und um die kämpft der Brauerbund.Ebbertz preist den "Spezialitätencharakter" bayerischen Bieres mit 40 Sorten und den "Facettenreichtum der verschiedenen sensorischen Eindrücke". Einer Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young zufolge wird der deutsche Bierausstoß bis 2015 um fast ein Drittel einbrechen. Doch viele bayerische Brauer sind erfahren im Umgang mit harten Zeiten. Von den heute 300 Mitgliedsbetrieben im Brauerbund waren 63 schon bei der Gründung dabei im Jahr 1880.

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