Bankenverbände kritisieren Regierung

„Protokoll hindert Kunden am Aktienkauf“

München - Immer mehr Banken ziehen sich aus dem Beratungsgeschäft mit Aktien zurück. Schuld daran ist Branchenvertretern zufolge die Bürokratie.

Es ist eine enorme Summe: Ende 2013 besaßen die hundert reichsten Deutschen laut „Manager Magazin“ zusammen fast 337 Milliarden Euro. Ihr Vermögen wuchs in den vergangenen Jahren rasant an – allein 2012 um 5,2 Prozent. Ursächlich war vor allem der Aktienboom der vergangenen Jahre. An weiten Teilen der Mittel- und Unterschicht ging die üppige Wohlstandsvermehrung dagegen vorbei – ein wesentlicher Grund: Nur jeder Sechste hierzulande besitzt Aktien. Stattdessen bunkern die meisten Normalbürger ihr Geld noch immer auf schlecht verzinsten Sparkonten.

Für Bankverbände ist eine Hauptursache für die Börsenmüdigkeit der Deutschen die aus ihrer Sicht ausufernde Bürokratie beim Verkauf der Wertpapiere an den Endkunden. Laut Stephan Götzl, dem Präsidenten des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB), ziehen sich regionale Banken zunehmend aus der Aktienberatung zurück: „Vor allem kleinere Institute bieten regulierungsbedingt immer weniger Aktienberatung an“, schlägt er Alarm.

Ursächlich dafür seien in erster Linie die in den letzten Jahren eingeführten Beratungsprotokolle und Produktinformationsblätter.

In das gleiche Horn bläst der Sparkassenverband Bayern. Dessen Präsident Ulrich Netzer warnt „vor den Folgen einer überbordenden Regulierung in der Anlageberatung“. Diese führe zu einer Zurückhaltung vieler Kreditinstitute in der Aktienberatung. „Auch die Kunden fühlen sich durch das geforderte Maß an Bürokratie häufig überstrapaziert“, ist Netzer überzeugt.

Die Ergebnisse einer Studie des Deutschen Aktieninstituts vom Juli passen in dieses Bild: Die Regulierung dränge Banken aus der Aktienberatung, so das Fazit der Umfrage der von großen Kapitalgesellschaften mitfinanzierten Einrichtung.

Mehr als jedes fünfte Kreditinstitut hat sich der Umfrage unter deutschen Banken zufolge mittlerweile ganz aus der Aktienberatung verabschiedet. Und bei zwei Dritteln der befragten Geldhäuser sei die Zahl der Kundengespräche zu Aktien gesunken. Zudem bieten der Untersuchung zufolge mehr als vier von zehn Banken mit einer Bilanzsumme von weniger als 500 Millionen Euro keine Aktienberatung mehr an.

„Das deckt sich in der Größenordnung mit den Ergebnissen vieler Gespräche, die ich dazu führe“, sagt auch Volks- und Raiffeisenbankenboss Götzl. Er spricht von einer „erschreckenden Entwicklung“. Denn in einer an renditestarken Anlagen armen Zeit würden so regulierungsbedingt viele Kunden von einer attraktiven Anlagemöglichkeit abgeschnitten und bei Anlageentscheidungen alleine gelassen. Und auch Sparkassen-Präsident Netzer sagt: „Gerade in der derzeitigen Niedrigzinsphase muss der Weg zum Vermögensaufbau mit Wertpapieren offen gehalten werden.“

Netzer und Götzl fordern deshalb, dass Anleger auf eigenen Wunsch im Beratungsgespräch auf ein Protokoll verzichten können. Außerdem sollten Produktinformationsblätter für Einzelaktien sowie einfache Anleihen nach dem Wunsch der Volks- und Raiffeisenbanken abgeschafft werden. Der Verbraucherschutz im Finanzbereich solle sich „am Leitbild des mündigen Bürgers orientieren“.

Der Bayerische Bankenverband, in dem die privaten Banken organisiert sind, unterstützt die Forderung der beiden Schwesterverbände, den Kunden zu erlauben, auf ein Beratungsprotokoll zu verzichten. „Kein Beratungsprotokoll kann ein gutes Beratungsgespräch ersetzen“, sagt dessen Geschäftsführerin Silke Wolf. Im Fall eines Rechtsstreits könne ein Geldhaus das Protokoll häufig noch nicht einmal als Beweis vor Gericht vorlegen.

Susanne Götz, Rechtsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern, widerspricht: „Das Protokoll hat vor Gericht Beweiskraft.“ Der Kunde müsse deshalb immer aufpassen, was er unterschreibe.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte von Fällen, in denen der Inhalt des Protokolls nicht mit dem des tatsächlich geführten Gesprächs übereingestimmt hatte. Verbraucherschützer fordern eine Reform der derzeitigen Rechtslage. Es müsse ganz klar definiert werden, „welche Begriffe in ein Protokoll hineingehören“.

Das Bundesfinanzministerium äußerte sich gestern auf Anfrage nicht zur Kritik der Bankenvertreter. Eine Abschaffung der Protokollpflicht ist, wie es aus Koalitionskreisen heißt, derzeit allerdings nicht geplant.

Unstrittig ist, dass die Einführung der Beratungsprotokolle 2010 gute Gründe hatte: Zehntausende Sparer hatten zuvor in der Finanzkrise viel Geld verloren, auch, weil sie häufig von ihren Banken schlecht beraten wurden.

von Tobias Lill

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