Die Quadratur des Stromkreises

- München - Deutschland will den Atomausstieg, weniger qualmende Kohle-Kraftwerke, streitet für geringere Windrad-Subventionen, will niedrigere Strompreise, mehr Wettbewerb im stagnierenden Markt, aber hohe Investitionen ins Netz. Würde jeder Wunsch erfüllt, müsste das Land wohl bald mit Kerzen beleuchtet werden - die Energiepolitik probt die Quadratur des Kreises. Der Unmut der Versorger wird lauter.

<P>Einen "politischen Schlingerkurs" rüffelt Siemens. Die Wind-Subventionen als "Fass ohne Boden" verurteilt Vattenfall. "Den Leuten wird vorgegaukelt, dass wir Kernkraft durch erneuerbare Energien und Einsparung zur Gänze ersetzen könnten", kritisiert Albrecht Schleich, Generalbevollmächtigter von Eon Bayern. In Wahrheit müssten Kohle- und Gas-Kraftwerke die Stromlücke füllen, sagte er unserer Zeitung.<BR></P><P>In Bayern werden überdurchschnittliche 66 % des Stroms von Kernkraftwerken erzeugt, knapp 20 % mit Wasserkraft, der Rest kommt aus fossilen Brennstoffen oder wird zugekauft. Wind und Sonne spielen eine Nebenrolle. Auch außerhalb Bayerns war die stürmische Windkraft-Initiative des Bundes bisher ein eher laues Lüftchen. Die Rotoren drehten sich im ersten Halbjahr weit unter den Erwartungen. Windkraft bringe keine Versorgungssicherheit in Deutschland, sagt Vattenfall-Chef Klaus Rauscher.<BR></P><P>Die Großen der Branche hatten zuletzt mehrfach mit der Politik zu kämpfen. Auch Eon, Platzhirsch in Bayern, bläst seit fünf Jahren der Wind des Wettbewerbs ins Gesicht. Erst knickten nach der verordneten Liberalisierung die Preise ein, dann nutzte der Bund die Gelegenheit, "aus politischen Gründen unsere Preissenkungen mit staatlichen Abgabelasten auszugleichen", wie es Schleich formuliert. Für Privatkunden habe das in der Summe Preise gebracht, die nicht unter dem Niveau von vorher liegen.<BR></P><P>Tendenz steigend: Vor allem die Hitzewelle im Sommer wird von den Versorgern als Grund für die derzeit stetig steigenden Preise genannt. Auch an den Strombörsen explodierten die Preise. Zu spüren bekommen das vor allem kommunale Versorger wie Stadtwerke, die für 2004 noch keinen Stromliefervertrag unterschrieben haben.<BR></P><P>Hinzu kommt, dass der Wettbewerb bisher unzureichend funktioniert. Eine Regulierungsbehörde soll den Konzernen ab Juli 2004 auf die Finger schauen. Eon-Bayern-Technikvorstand Hermann Wagenhäuser ist da freilich skeptisch und fürchtet neue Bürokratie. Er hoffe auf eine schlanke Regulierung, "die nicht an deutscher Gründlichkeit erstickt".<BR></P><P>Er warnt vor einem zu starken Druck auf die Netznutzungsentgelte, der zu Lasten der Investitionen ginge. Bisher sei die Qualität des Stromnetzes sehr gut, sagt Wagenhäuser. 15 Minuten Stromausfall pro Jahr müsse im Schnitt jeder Bayer hinnehmen, in Italien seien es 200. Rund 200 Millionen Euro investiert Eon Bayern jährlich in die Infrastruktur, sagt Wagenhäuser: "Wenn wir die Preise für die Netznutzung durch den Regulierer drastisch gesenkt werden müssten, würde sich das in der Versorgungssicherheit niederschlagen."<BR></P><P>Langfristig, so sagen Experten, drohten dann Zustände wie in den USA. Dann wird das Land wirklich mit Kerzen beleuchtet.<BR></P>

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