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Der letzte Katalog: Viele Quelle-Mitarbeiter stehen vor dem Nichts. Die Bundesagentur für Arbeit will ihnen helfen.

Arbeitsagentur zeigt sich kreativ:

Im Quelle-Desaster kommt die Arbeitsagentur groß raus

Es mag zynisch klingen - aber in der bittersten Stunde von Quelle kommt die Bundesagentur für Arbeit groß raus. Bei der Jobvermittlung wächst die gescholtene Mammutbehörde über sich hinaus.

Bei der Hilfe für mehrere tausend Quelle-Beschäftigte in Nürnberg legt die Bundesagentur für Arbeit eine Schnelligkeit und Flexibilität an den Tag, die ihr die Wenigsten zugetraut haben dürften.

“Eine einzigartige Leistung“, lobt Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly, und sein Fürther Kollege Thomas Jung (beide SPD) sagt: “Wer in Berlin meint, auf eine solche Behörde könne man verzichten, der ist völlig auf dem Holzweg.“ Jung spielt damit auf Forderungen besonders aus der FDP an, die Arbeitsvermittlung zu privatisieren.

Bundesagentur muss Leistung unter Beweis stellen

Innerhalb weniger Tage wurd im Versandzentrum Nürnberg ein „Mini-Arbeitsamt“ eingerichtet.

“Die ineffiziente Bundesagentur für Arbeit in ihrer jetzigen verkrusteten Form muss aufgelöst werden“, hatte der FDP-Generalsekretär Dirk Niebel während der Koalitionsverhandlungen gefordert. Nun wird Niebel - früher selbst Arbeitsvermittler - neuer Minister für Entwicklungshilfe und dürfte mit anderen Fragen befasst sein. Dennoch muss die Bundesagentur (BA) ihre Leistungskraft mehr denn je unter Beweis stellen.
Erst am Montag hatte BA-Chef Frank Jürgen Weise der neuen Bundesregierung zusätzliche Effizienzsteigerungen in Aussicht gestellt. Der Fall Quelle gibt den Agentur-Leuten nun Gelegenheit zu beweisen, was sie können. Gleichsam über Nacht wurde im Quelle- Versandzentrum in Nürnberg ein “Mini-Arbeitsamt“ aufgebaut, um innerhalb weniger Tage 4000 Arbeitslose erfassen und beraten zu können. Aus ganz Bayern zog die Behörde dafür zusätzliche Mitarbeiter in Nürnberg zusammen.

Agentur muss „Herkulesaufgabe stemmen“

Der Fürther Oberbürgermeister Jung spricht von einer “Herkulesaufgabe“, die die Agentur gestemmt habe: Mobile Arbeitsplätze mussten in kürzester Zeit aufgebaut und die Technik startklar gemacht werden. In sechs Räumen sitzen nun Vermittler, die den gekündigten Quelle-Mitarbeiter beim Ausfüllen der Arbeitslosengeldanträge helfen. In einem separaten Großraum gibt es zudem die Möglichkeit erster Beratungsgespräche.

Wer möchte, kann sich aber auch selbst an einem von zwölf aufgebauten Terminals über Jobangebote informieren. “Das Konzept geht auf“, sagt Vermittler Franz Zwingmann nach seinem ersten Tag in den provisorisch eingerichteten Räumen. Der 32- Jährige aus München hat sich freiwillig für den Einsatz in Nürnberg gemeldet. Drei Wochen wird er dortbleiben und die Kollegen unterstützen.

Die meisten Quelle-Beschäftigten seien erstaunt, dass alles so schnell in ein Arbeitsamt umfunktioniert werden können, erzählt Zwingmann. “Die Leute sind total enttäuscht von ihrem Arbeitgeber - aber gleichzeitig erstaunt, dass diejenigen, von denen sie es am wenigsten erwartet hätten, funktionieren.“

“Einzigartige Solidarität unter den Arbeitsagenturen“

Knapp 30 Mitarbeiter aus ganz Bayern sind zur Unterstützung des Teams extra nach Nürnberg gekommen. Der Chef der Regionaldirektion Bayern, Rainer Bomba, spricht von einer einzigartigen Solidarität unter den Arbeitsagenturen im Freistaat. Bomba selbst präsentiert sich in der Quelle-Krise als dynamischer Manager, als das Gegenteil eines Bürokraten.
Der alerte Behördenleiter gibt eloquent Interviews, führt Journalisten bereitwillig durch das “Quelle-Arbeitsamt“ und geht keinem Mikrofon aus dem Weg. Doch auch wenn bisher alles reibungslos zu funktionieren scheint - messen lassen muss sich die Agentur letztlich an der Vermittlung der rund 4000 arbeitslosen Quelle-Beschäftigten in neue Jobs. Und da wartet angesichts eines harten Winters auf dem Arbeitsmarkt eine wahre Herkulesaufgabe.

dpa

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