Quellensteuer schreckt Kapitalflüchtlinge nicht

- München - In Deutschland ist das Bankgeheimnis seit April durchlöchert, in der Schweiz, Österreich oder Luxemburg hingegen nicht. Für manchen Bundesbürger erscheint daher der Gedanke an einen Geldtransfer ins Ausland verlockend.

<P>So hat etwa Dieter Ondraczek, Chef der Deutschen Steuergewerkschaft, einen Anstieg solcher Transfers bemerkt, allerdings mit einem Volumen "nur im einstelligen Milliardenbereich, soweit man solche Geldbewegungen überhaupt nachvollziehen kann". Offenbar schreckt Anleger die Aussicht, ab 1. Juli auf viele ausländische Zinsgewinne Quellensteuer berappen zu müssen, nicht ab.<BR><BR>Rüdiger Parsche, Steuerexperte des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, ist sicher: "Der Trend zur Flucht ins Ausland ist groß." Die neue Möglichkeit, Bankkunden zu durchleuchten, habe "selbstverständlich Auswirkungen auf die Bürger", betont Parsche. Zugleich werde die gesamte Steuer- und Abgabenbelastung als zu hoch empfunden. "Und wenn das alles zu viel wird, weicht der Bürger aus."<BR><BR>Den Geldtransfer ins österreichische Kleinwalsertal oder nach Tirol, Zürich oder Liechtenstein scheint nicht einmal die Einführung der neuen EU-Zinsrichtlinie ab 1. Juli zu vergällen. Obwohl diese Regelung den Gewinn der Anlage auf Dauer schmerzlich schrumpfen lassen kann, weil der Steuerflüchtling in der Regel eine dauerhafte Besteuerung in Kauf nehmen muss.<BR><BR>"Wer Inlandskonten leerräumt, wird garantiert erwischt."<BR>Dieter Ondraczek</P><P>Hintergrund: Alle Länder der Europäischen Union haben sich verpflichtet, dem jeweiligen Heimatstaat ihrer ausländischen Bankkunden dessen Zinserträge zu melden. Wer Schwarzgeld nach Österreich, Belgien und Luxemburg bringt, bleibt jedoch von Kontrollmitteilungen unbehelligt. Diese EU-Staaten erkämpften sich eine Sonderregelung.<BR><BR>Voraussichtlich ab Juli ziehen die Banken zunächst automatisch 15 Prozent von privaten Auslandszinsen ab, ab 2008 bereits 25 Prozent und ab 2011 sollen es schließlich 35 Prozent sein. Die Quellensteuer wird pauschal an das Heimatland des Anlegers überwiesen, der Kunde bleibt anonym. Ähnlich wollen die Schweiz, Liechtenstein oder die Kanalinseln verfahren - und ihr Bankgeheimnis dadurch behalten. Mit dem Pfund der Verschwiegenheit wird seit dem Wegfall des deutschen Bankgeheimnisses noch kräftiger gewuchert als früher. Österreichische Geldinstitute buhlen ganz ungeniert um deutsche Kundschaft.<BR><BR>Parsche berichtet, den meisten Steuerflüchtlingen sei es "noch lieber, bis zu 35 Prozent abzuführen, als vom Fiskus daheim entdeckt zu werden". Dabei gibt es bereits jetzt schon vielerlei Tricks, Gelder auch künftig in den "Zufluchtstaaten" steuerfrei zu parken - trotz Quellensteuer, beispielsweise in ausgewählten Anleihen oder Fonds.<BR><BR>Schätzungen österreichischer Finanzfachleute, wonach die Deutschen inzwischen bereits 50 bis 70 Milliarden Euro allein in die benachbarte Alpenrepublik transferiert hätten, hält Parsche für realistisch. Ondraczek schätzt, dass mittlerweile zwischen 300 und 350 Milliarden Euro im Ausland geparkt sind.<BR><BR>Doch aufgepasst: Wer in den Monaten vor dem 1. April hektisch sein Inlandskonto leergeräumt, Gelder verschoben hat oder das in nächster Zeit noch tun will, "wird garantiert erwischt", warnt Ondraczek. Der deutsche Fiskus kann eine Kontenauflösung bis zu drei Jahre zurückverfolgen</P>

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