Der rätselhafte Abgang des Bernd P.

- Wolfsburg -­ Der Paukenschlag kam völlig unerwartet. Mit drei dürren Sätzen verkündete Volkswagen am Dienstagabend: VW-Boss Bernd Pischetsrieder räumt den Chefsessel bei Europas größtem Autobauer. Sein Nachfolger soll der bisherige Chef der Tochter Audi werden, der 59-jährige Martin Winterkorn. Über die Hintergründe des Machtwechsels herrscht Rätselraten. Doch vieles weist nach Einschätzung der Branche darauf hin, dass der Machtkampf mit dem Chef des Aufsichtsrats, Ferdinand Piëch, dahinterstecke.

Dabei kommt die Wachablösung zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. VW steckt mitten in der schwierigen Sanierung seiner Kernmarke mit zehntausendfachem Jobabbau. Die Situation um die Übernahme des schwedischen Lkw-Bauers Scania (siehe gesonderter Bericht) ist verfahren. Und die VW-Affäre um Schmiergelder und Lustreisen für Betriebsräte wird sicher bald noch einmal ein großes Thema werden, wenn erst der Prozess beginnt.

Pischetsrieder habe einiges bewirkt, sagt der Autoexperte von der Nord-LB, Frank Schwope. "Die wirklichen Beweggründe für die Entscheidung sind nicht bekannt, jedoch gehen wir davon aus, dass die Ablösung durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Piëch initiiert wurde", sagte er. Mit Winterkorn besetze ein Wunschkandidat Piëchs die Spitze, mit dem der Volkswagen-Konzern noch enger an Porsche heranrücken dürfte.

Der Sportwagenbauer, der der Familie Piëch/Porsche gehört, ist derzeit mit 21,2 Prozent größter Anteilseigner von VW vor dem Land Niedersachsen und erwägt eine Aufstockung auf fast 30 Prozent. "Es ist durchaus denkbar, dass Piëch/Porsche mittel- bis langfristig an einer Übernahme des Volkswagen-Konzerns interessiert ist."

Viele Beobachter gehen davon aus, dass der VW-Chef in Wirklichkeit zuletzt doch nur das Kräftemessen mit Piëch verloren habe. Er habe schließlich aufgegeben, um einen erneuten öffentlichen Machtkampf zu vermeiden.

Noch vor sechs Monaten hätte sich niemand gewundert, wenn der 58-jährige Konzernlenker seinen Hut genommen hätte. Es ging um die Verlängerung seines Vertrages, gegen die die Arbeitnehmerfront im Aufsichtsrat wegen der angekündigten harten Sanierungseinschnitte Bedenken erhob. Dabei war es Piëch, der mit öffentlichen Zweifeln an einem neuen Vertrag für Pischetsrieder das wochenlange Tauziehen um den VW-Chefsessel erst so richtig ins Rollen brachte. Kritiker meinten damals, er habe sich so revanchieren wollen für die mangelnde Rückendeckung durch Pischetsrieder, als der Porsche-Enkel nach dem Einstieg des Sportwagenbauers wegen möglicher Interessenkonflikte ins Gerede gekommen war. Aber nach dem Showdown zur Hauptversammlung im Mai waren viele davon ausgegangen, dass das Thema nun erledigt wäre. Eine mögliche Fehleinschätzung.

Winterkorn wird es als Nachfolger von Pischetsrieder trotz seiner engen Verbindung zu Piëch nicht leicht haben an der Spitze von VW. Nicht nur eine Menge unerledigter Aufgaben warten auf ihn. Branchen-Kreise gehen auch davon aus, dass der Konzernvorstand möglicherweise noch einen weiteren Manager verliert: VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard war von Pischetsrieder geholt worden und galt zunächst auch als sein Kronprinz. Intern war die Konkurrenz zwischen den beiden Vorständen für die Konzernmarken Audi und VW, Winterkorn und Bernhard, kein Geheimnis. Wenn Bernhard aber ginge, könnte auch die VW-Sanierung einen Dämpfer bekommen. Völlig offen ist auch noch, wer als Nachfolger von Winterkorn neuer Audi-Chef wird.

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