Raffgier außer Kontrolle

- München - An der mächtigsten Börse der Welt brodelt es. In der Wall Street wird weniger über Umsätze und Gewinne spekuliert, sondern viel mehr über "Manipulation", "Vertuschung" und "Raffgier". Gegen den Chef der New York Stock Exchange (NYSE), Richard Grasso, haben Händler eine Unterschriftenaktion gestartet. Sie könnte den ersten Rauswurf eines NYSE-Vorsitzenden seit 1976 bewirken und den Sonderstatus der New Yorker Börse stürzen.

<P>"Gute Unternehmensführung spielt die zentrale Rolle", schwärmt Grasso in seinem Willkommensgruß auf der NYSE-Internetseite. Verbesserte Transparenz und genauere Kontrollen preist der 57-Jährige, den die "New York Post" kürzlich als "gierigsten Mann in New York" betitelte. Was unter dem mild lächelnden Gesicht von Grasso im Internet präsentiert wird, sieht in der Realität aus wie Zynismus.</P><P>Grasso, der einst die überzogenen Gehälter amerikanischer Konzernchefs anprangerte, verdient mindestens so gut wie einer von ihnen. Im miesen Börsenjahr 2002 sackte er laut Presseberichten über zehn Millionen Dollar ein - während die NYSE gerade mal 28 Millionen Gewinn schrieb. Kürzlich ließ er sich 140 Millionen Dollar auf einen Schlag auszahlen - als Kompensation für "Pensionsansprüche und andere Vergütungen". Weitere 48 Millionen standen schon für ihn bereit, als sich der Chef der US-Börsenaufsicht SEC, William Donaldson, einschaltete und die Presse "Gierschlund-Grasso" angesichts dieser Gehalts-Dimensionen durch die Finanzseiten prügelte.</P><P>Auf Druck der SEC erhielten Journalisten Zugang zu 1200 Seiten interner Papiere. Dabei ließ Grasso die Reporter von Wärtern drangsalieren, wie der "Spiegel" berichtete. Nur handschriftliche Aufzeichnungen gestattete der selbst ernannte Kämpfer für Transparenz und Kontrolle. Trotzdem kamen weitere Details ans Licht. Etwa, dass Grasso auf Börsenkosten gerne mal im Privatjet reiste oder seine Zeitungsabos auf die Spesenrechnung setzte. Auch andere Vorstandsmitglieder sollen sich an dicken Millionen-Zahlungen aus der Börsenkasse erfreut haben.</P><P>Grasso beteuert, er habe nie mit der Festlegung seines Gehalts zu tun gehabt. Das stimmt im Prinzip. Er hat nur die Leute ernannt, die für die Festlegung seines Gehalts bei der NYSE zuständig sind. "Selbstbedienungsladen" schimpfen Kritiker die Börsen-Organisation, die mit ihrer vermeintlichen "Selbstkontrolle" einen Sonderstatus genießt. Die Börse legt ihre Regeln selbst fest und ist für ihre Umsetzung sowie die Sanktionierung von Verstößen zuständig - noch.</P><P>Die Börsenaufsicht hat nach Bekanntwerden von Grassos Interpretation der Selbstkontrolle damit gedroht, den Status der eigenständigen Verwaltung aufzuheben oder zumindest einzuschränken. Und Händler wollen ihren Chef loswerden. Sie sammeln Unterschriften für eine Sondersitzung der NYSE-Mitglieder, in der über die Absetzung des gierigen Bosses beraten wird. Dabei könnte sich Grasso noch einmal auf die ihm eigene Art verwirklichen. Die irische "Tradesports" bietet Terminkontrakte, mit denen Anleger auf Grassos Abschied von der New Yorker Börse bis zum Jahresende wetten können - ein Projekt, in das er viel Transparenz bringen könnte.<BR></P>

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