S-Bahn-Chaos: Ausfälle auf der Stammstrecke

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"Raffgier schädigt das Image von allen"

München - Interview mit IHK-Chef Reinhard Dörfler: Seit knapp 12 Jahren ist Reinhard Dörfler Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern (IHK). Im August dieses Jahres wird der 62-Jährige dieses Amtniederlegen.

- Trotz immer stärkerem Euro steigt die Export-Quote. Der Wirtschaft geht es also blendend, oder?

Im Prinzip ja, aber das sind teils Aufträge, die bereits im letzten Jahr eingegangen sind, aber jetzt erst abgewickelt werden und die Export-Quote um neun Prozent steigen lassen. Was uns hoffnungsfroh stimmt, ist die Tatsache, dass die Unternehmen mit vielen Spezialitäten in der Welt unterwegs sind und trotz steigendem Euro-Kurs immer noch gute Chancen haben. Aber dieser Export-Boom ist bedroht. Das, was in den USA passiert, darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Das Thema Kreditkrise ist noch lange nicht ausgestanden.

- Als Konjunktur-Retter wird der private Konsum gepriesen, der allerdings erst wieder in Schwung kommen müsste.

Er ist mittlerweile seit über 10 Jahren kein Konjunkturtreiber mehr. Der private Konsum ist letztes Jahr nochmals um 0,4 Prozent eingebrochen und ich glaube nicht, dass es 2008 aufwärts geht. Das liegt daran, dass das tatsächlich verfügbare Einkommen gesunken ist. Eine hohe Inflationsrate, Nachwirkungen der Mehrwertsteuererhöhung und die völlig verrückte Energiepolitik treiben die Preise stark in die Höhe.

- Das heißt, Sie plädieren für höhere Löhne?

Ich bin dafür, die Arbeitnehmer gerecht zu beteiligen. Das heißt je nach Branche um die drei Pozent mehr. Wenn Verdi jetzt acht Prozent fordert, sprengt das den Rahmen eindeutig und geht in die falsche Richtung. Schließlich ist der Großteil der wiedergewonnenen Stärke auch durch die jahrelange Lohnzurückhaltung zustande gekommen. Das, was momentan an Tarifforderungen auf dem Tisch liegt, ist eindeutig zu hoch.

- Scharf kritisierten vor allem Politiker in der letzten Zeit den Stellenabbau bei großen Konzernen wie BMW oder Siemens.

Was mich an dieser Diskussion extrem stört ist, dass sie undiffenziert geführt wird. Ich finde es allerdings tatsächlich unangemessen, wenn Vorstandsvorsitzende von deutschen Konzernen aufgrund von Aktienoptionen zig Millionen in die Tasche stecken, obwohl sie nachweislich keinen guten Job gemacht haben. In den USA, wo diese Summen üblich sind, fließen im Gegenzug ebenso hohe Summen in wohltätige Stiftungen. Aber so, wie es hierzulande gelaufen ist, finde ich das wirklich fürchterlich, weil solche Fälle die Stimmung im Land negativ beeinflussen. Die Diskussion läuft aber verkehrt, wenn jetzt der Staat auf die Unternehmer schimpft.

- Die Kritik seitens der Politik halten Sie also für unangebracht?

Die Politik prügelt zurzeit auf die Unternehmer ein und nimmt dazu das Fehlverhalten von einigen wenigen. Diese Raffgier einer kleinen Truppe beschädigt das Image von allen. Das finde ich nicht in Ordnung.

- Es kam auch der Vorschlag, Gehaltsobergrenzen einzuführen.

Der Markt bestimmt das Gehalt. Da brauchen wir keine neuen Gesetze. Was wir wieder brauchen, sind ehrbare Kaufleute - wie es auch im IHK-Gesetz geschrieben steht. Mit solchen Forderungen lenkt die Politik von ihren eigenen innenpolitischen Problemen ab. Sie tritt auf der Stelle und löst kein einziges Sachproblem.

- Woran liegt das?

In der Großen Koalition kann man sich nicht einigen. Da sind zwei Züge in unterschiedliche Richtungen unterwegs.

- Sie denken also nicht, dass sich noch etwas tun wird?

Nein, was soll auch noch gehen? Im Herbst kommen die Landtagswahlen in Bayern und dann haben wir im nächsten Jahr Bundestagswahlen. Da kommt nichts mehr raus. Dabei gäbe es noch viel zu tun. Man muss sich nur einmal die Erbschaftssteuer anschauen: Laut derzeitigem Gesetzentwurf muss ein Unternehmen beispielsweise mindestens 15 Jahre in seiner Substanz behalten werden. Aber wie soll man als Unternehmer wissen, wo man in 15 Jahren steht? Wir haben eine Wirtschaft, in der täglich Aufträge gewonnen oder verloren werden können. Diese Regelungen sind kompletter Unsinn und verunsichern die Wirtschaft.

- Was wäre die Lösung?

Wir reden bei der Erbschaftssteuer von 0,8 Prozent der gesamten Steuereinnahmen in Deutschland. Das sind in der Summe vier Milliarden Euro, wobei ein erheblicher Anteil an Erhebungs- und Verwaltungskosten abgezogen werden müssen. Die rund 3,5 Millionen Euro an Bürokratiekosten, die derzeit im Gesetzentwurf stehen, werden bei weitem übertroffen und werden wohl eher zwischen 130 und 220 Millionen Euro liegen. Andere Länder sind klüger als wir, die schaffen diese Steuer ab, warum können wir das nicht? Den finanziellen Gewinn hätten wir auch, wenn wir dafür die Einkommenssteuer um einen Punkt höher setzen, dieser Vorschlag kommt aus dem Mittelstand.

- Könnten Sie sich das vorstellen?

Das wäre mir auf alle Fälle lieber.

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