Rauer Wind in Wolfsburg

- Wolfsburg - Bei Europas größtem Autobauer Volkswagen soll eine neue Ära beginnen. Nach dem Rückzug des mächtigen Arbeitsdirektors Peter Hartz in der VW-Affäre will Konzernchef Bernd Pischetsrieder jetzt hart durchgreifen. Die Kontrollen sollen schärfer werden. Der nach dem Hartz-Rücktritt frei werdende Vorstandsjob wird möglicherweise nicht mehr in derselben Form wiederbesetzt. Im Unternehmen wird nach Erwartungen von Branchenkennern insgesamt künftig ein rauerer Wind wehen.

Der neue VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard drückt mit einem strikten Kurs des Kostensparens und der Qualitätsverbesserung aufs Tempo. "Die nächsten drei Jahre werden sehr schwierig", hat der 44-jährige Wirtschaftswissenschaftler schon angekündigt.Nach Korruptionsvorwürfen, dem Verdacht von Spesenbetrug und immer neuen Negativschlagzeilen wollen Pischetsrieder und sein neuer Hoffnungsträger Bernhard jetzt das Steuer herumreißen. Die Notwendigkeit dazu ist unbestritten. Das Unternehmen steckte schon in einer ernsten Krise, bevor die Schmiergeld-Affäre um den Ex-Skoda-Personalchef Helmuth Schuster das Ansehen des Konzerns in den Schmutz zog.VW hat zu hohe Kosten, verkauft zu wenig Autos und hat obendrein Qualitätsprobleme, so Bernhards Diagnose. Das Flaggschiff des Konzerns, die Traditionsmarke VW, steckt tief in den roten Zahlen und machte im ersten Quartal 53 Millionen Euro Verlust. Das Unternehmens-Ergebnis bei der Marke VW müsse sich um sieben Milliarden Euro verbessern. Das bedeute auch Kostensenkungen von fünf Milliarden Euro. Ohne Einschnitte für die Belegschaft dürfte das kaum gelingen.Als knallharter "Turbokapitalist" wird Bernhard auch beschrieben. Und der Abgang von Hartz werde dem Bernhard-Kurs förderlich sein, meinen Experten. "Mit dem angebotenen Rücktritt steigt der Spielraum für Veränderungen", sagt etwa der Autoexperte der HypoVereinsbank, Albrecht Denninghoff. Der Börsenkurs reagierte jedenfalls positiv auf die Ankündigung des 63-jährigen Personalvorstandes. Hartz' Nachfolger wird möglicherweise nicht mehr im Konzernvorstand, sondern im Vorstand der Markengruppe VW (VW, Skoda, Bentley und Bugatti) sitzen.Der besondere Stil, der bei VW seit den 90er-Jahren herrschte, dürfte nach dem Abgang von Hartz und Klaus Volkert - dem vergangene Woche zurückgetretenen Betriebsratschef - der Vergangenheit angehören. Beide waren Gewerkschafter, SPD-Mitglieder und standen Bundeskanzler Gerhard Schröder nahe. Beide galten als Garanten für das "System VW", das auf Kompromiss statt auf Konfrontation setzte und damit vieles, auch vorbildhafte Tarifmodelle, erreicht hat. Kritiker monierten jedoch die geballte Macht des Betriebsrates, der SPD und der IG Metall, die in Zeiten der SPD-Landesregierung über die zwei Landessitze im Aufsichtsrat eine Mehrheit hatten.Volkerts Nachfolger Bernd Osterloh hat Bernhard jedenfalls schon mal "Respekt" bezeugt. Es gebe "unabweisbaren Modernisierungsbedarf", sagte er in der "Bild am Sonntag". Und: "Turbokapitalist hin oder her: Bernhard bringt frischen Wind bei VW." Was die Beschäftigten so denken, brachte ein 42-jähriger Fabrikarbeiter kürzlich auf den Punkt: "Wenn Hartz auch noch weg ist, dann kann Bernhard als Chef-Sanierer alles machen, was er will."

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