Rauf und runter: Die Zinsschaukel wippt über dem Atlantik

- München - Europa und Amerika driften auseinander. Während diesseits des Atlantiks die Wirtschaft nicht in Fahrt kommt, wie zuletzt die Bundesregierung mit der Korrektur ihrer Wachstumsprognose einräumte, brummt der Konjunkturmotor jenseits des Ozeans. Beide Entwicklungen setzen die jeweiligen Notenbanken unter Druck: Während Experten von der Europäischen Zentralbank EZB eine Zinssenkung fordern, wird von der US-Notenbank Fed eine Verteuerung der Finanzierungssätze erwartet.

<P>Namhafte Ökonomen treten nach einem Bericht des "Handelsblatts" für eine Leitzinssenkung in Europa ein. "Die weltwirtschaftliche Dynamik, von der Europa bisher nur unterdurchschnittlich profitiert hat, nimmt derzeit nicht mehr weiter zu", begründete John Llewellyn, Chefvolkswirt der Londoner Investmentbank Lehman Brothers, sein Votum für eine Zinssenkung. </P><P>"Die Wirtschaft des Euroraums lahmt nach wie vor und ein richtiger Aufschwung ist noch nicht absehbar", sagte der Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, Martin Hüfner, der der EZB empfahl, den Leitzins von 2,0 auf 1,5 Prozent zu senken. Der Leiter der Umfragen-Abteilung des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Gernot Nerb, verwies vor allem darauf, dass laut des Ifo-Geschäftsklimaindex die Geschäftserwartungen der deutschen Unternehmen für die nächsten sechs Monate bescheiden seien. </P><P>Diese Einschätzung wird durch die Bundesregierung gestützt, die ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in Deutschland 2004 von 1,7 auf 1,5 Prozent gesenkt hat. Dennoch befinde sich Deutschland am Beginn eines Aufschwungs, sagte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement. Doch auch er musste zugeben: "Es ist noch nicht genug."</P><P>Deshalb käme die Hilfe der EZB gerade recht. Eine Zinssenkung könnte den Unternehmen Investitionen erleichtern, was wiederum zu mehr Wachstum führen würde. Auch nach Ansicht des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger soll EZB-Chef Jean-Claude Trichet die Zinsen um einen halben Prozentpunkt senken. Deutschland sei immer noch in der Nähe einer Deflation. Ohne Praxisgebühr, Tabaksteuererhöhung und steigende Benzinpreise wäre die Inflationsrate in Deutschland unter einem Prozent, erklärte das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der "Welt am Sonntag".</P><P>Während der EZB-Rat am Donnerstag über die Geldpolitik berät, steht in den USA morgen eine Sitzung des Offenmarktausschusses an. Notenbankchef Alan Greenspan, seit 18 Jahren im Amt und lange als Leitzins-Akrobat gefeiert, hat eine knifflige Aufgabe vor sich. Angesichts des robusten Wachstums und anziehender Inflation gilt eine Zinserhöhung in den USA als unumgänglich, und das muss Greenspan in einem Wahljahr bewerkstelligen, ohne Investoren und Verbraucher zu verschrecken und den Konjunkturaufschwung zu bremsen.</P><P>Die Leitzinsen der größten Volkswirtschaft der Welt liegen seit Juni 2003 bei 1,0 Prozent, so niedrig wie seit 1958 nicht mehr. Inzwischen wächst die US-Konjunktur aber robust, im 1. Quartal dieses Jahres um 4,2 Prozent auf hochgerechneter Jahresbasis. Und der Inflationsdruck wächst: In den ersten drei Monaten zogen die Preise (ohne Energie und Lebensmittel) auf Jahresbasis um 2,0 Prozent an. Bei einer Kongress-anhörung Mitte April erklärte Greenspan: "Wie ich schon früher gesagt habe, irgendwann müssen die Zinsen steigen."<BR></P>

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